Mondscheinkinder

Können Kinder- und Jugendfilme uns Erwachsene noch nachhaltig berühren?

 

Ja, es gibt immer wieder solche, die das schaffen und einen von diesen kleinen Perlen möchte ich Ihnen hier kurz vorstellen. Erfreulicherweise müssen wir gar nicht weit schauen. Er stammt aus deutschen Landen, nachdem in den letzten Jahrzehnten bis auf wenige Ausnahmen die besten Werke aus dem Film- und Literaturbereich aus dem hohen Norden Skandinaviens kamen. Gern erinnern wir uns noch an Lukas Moodyssons erfrischendes Comingout-Jugenddrama RAUS AUS AMAL, das es sogar bis nach Hollywood zur Oscarnominierung schaffte. Oder an unbequeme Bücher von dem Schweden Peter Pohl.         

 

Lara ist 12 und ist anders als ihre Mitschülerinnen. Sie wartet nicht sehnsüchtig auf den neuen Film von Hannah Montana oder auf den neuen Song von Britney Spears. Man sieht sie nicht auf Schulpartys. Stattdessen widmet sie sich, etwas eigenbrötlerisch, Algenzuchtprojekten in der Schule.

 

Ihr Bruder ist sechs und ist ebenfalls anders als seine Altersgenossen. Paul hat Xeroderma pigmentosum, was  eine der schrecklichsten Krankheiten, die Kinder überhaupt bekommen können, ist. Die Betroffenen haben einen genetischen Defekt, der ihnen ein Leben im Tageslicht schier unmöglich macht, weil das Licht eine besonders seltene und bösartige Form des Hautkrebses auslöst.

 

Während das schöne Wetter Kinder wie Paul raus zum Spielen lockt, wird er hinter mit UV-Filtern abgedichteten Fenstern in sein Zimmer eingeschlossen.

Sein Gefängnis kann er nur nachts mit seiner Mutter und seiner Schwester verlassen. Dann ist er aber der einzige auf dem Spielplatz, den er ähnlich wie Vampire, vor der aufgehenden Sonne fliehend, rechtzeitig verlassen muss, um wieder pünktlich zu Hause zu sein.

 

So bleibt Lara für ihren Bruder nur die Erschaffung einer wunderschönen Phantasiewelt, die  detailverliebt in diversen Filmabschnitten ohne großen Aufwand dargestellt wird, in der er der Hauptakteur ist. Debütantin Manuela Stacke  schafft in ihrer Hochschulabschlussarbeit mit einem geringen Budget einfühlsame Science-Fiction-Welten, in denen Paul als Raumschiffkapitän von einem anderen Planeten kommend seine Zeit vertreibt. Denn er scheint ja nicht von unserem Planeten zu sein.

 

Aber auch Lara erkrankt. Pauls betreuender Arzt stellt eine erschütternde Diagnose fest. Das erste Verliebtsein hat sie  infiziert und der Mitschüler Simon  nimmt ab jetzt viel Zeit und Liebe in Anspruch. Zeit und Liebe, die ab sofort ihrem schwer erkrankten Bruder fehlen und dessen Krankheitsverlauf sich rapide verschlechtert. Die inneren Konflikte Laras, die einfühlsame Auseinandersetzung mit der ersten Liebe und der Krankheit bei einem Menschen, der doch eigentlich erst am Anfang seines Lebens steht, werden von der ehemaligen Regieassistentin von Peter Zadek klischeefrei und behutsam dargestellt und machen diese Arbeit zu einem kleinen Juwel für die ganze Familie, das zum Auseinandersetzen und Diskutieren einlädt.  

 

Lassen Sie sich nicht  von der oberflächlichen Einordnung in die Kinder-/Jugendrubrik seitens Programmdiensten abhalten. Nicht selten verbergen sich hinter solchen Grobeinstufungen viele sehenswerte, familientaugliche und pädagogisch wertvolle Filme, die es auch verdient hätten, mal im Schul- und Jugendfreizeitbereich gezeigt zu werden.

 

Kein Film, der einen verführt nach der Chipstüte zu greifen. Kein Film, der nach dem Abschalten zum Guteinschlafen einlädt. Aber das will er auch nicht. Ein Film mit Langzeitnachwirkung eben, den man suchen muss.

Eine Gastrezension von Peter Bauer.

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