Wo leben wir?
Ich sitze hinten im Taxi. Wir kommen an eine Polizeisperre. Mein Chauffeur hat alle seine Papiere bereit und in Ordnung, aber er hat seinen Sicherheitsgurt nicht angelegt. Das muss ein Machoding hier sein: Männer wehren sich wie die Teufel gegen das neue Gesetz, dass das Anlegen vom Sicherheitsgurt zur Pflicht macht. Der Polizist ist höflich aber bestimmt und schreibt ihm einen Strafzettel. Mit dem in der Hand sitzt mein Fahrer ein Weilchen bedripst da. Er starrt auf den Zettel. Vielleicht kann er nicht lesen? Er kann lesen, er kann nur nicht verkraften, dass er nun 160 Pesos (ungefähr 12 Dollar) blechen muss.
„Das ist mein Lohn für zwei bis drei Tage Arbeit!“, murmelt er.
Wir haben eine ganze Weile dagestanden und ihm fällt nun ein, dass er mich ja wohin bringen muss und die Minuten verstreichen. Also legt er den Strafzettel seufzend ins Handschuhfach und lässt den Motor anspringen. Er fährt los. Der Sicherheitsgurt hängt immer noch schlaff und unberührt neben ihm.
„Wollen Sie den jetzt nicht lieber anlegen?”, frage ich ihn.
Er stöhnt und folgt meinem Rat.
„Vor zehn Jahren ist ein Freund von mir mit seiner ganzen Familie im Auto schwer verunglückt”, erzähle ich ihm. „Die einzige, die ihren Gurt nicht angelegt hatte, war seine Frau und sie war die einzige, die umkam.”
Er nickt. Aber ich bin mir nicht sicher, dass ihn meine Erfahrung beeindruckt.
„Ich habe bei der Polizei gearbeitet”, schnauft er. „Das sind alles Halunken. Die stecken mit den Räubern und Entführern unter einer Decke. Ich wollte da nicht mit einsteigen, deshalb haben sie mich rausgeschmissen und nun fahre ich Taxi.”
Ich nicke. Ich weiß, dass das auch stimmt. „Trotzdem ist es gut, im Auto den Gurt anzulegen”, versuche ich erneut, ihn zu überzeugen, „für ihre eigene Sicherheit!”
Er nickt, aber wie mir scheint lustlos.
„Unsere Politiker sind auch allesamt Halunken, alle Parteien von rechts nach links hindurch!”, stößt er schließlich aus.
Ich bin auch damit einverstanden.
„Einen hier, der jetzt Abgeordneter werden will, den kenne ich. Seine Kampagne heißt: Endlich mehr Sicherheit! Ich bin zu ihm gegangen und habe ihn gefragt: ‘Wie willst du das anstellen, dass wir mehr Sicherheit haben?´ Da hat er nur gelacht und geantwortet: ‘Das ist doch nur mein Slogan. Der hört sich doch gut an.‘ Darum geht es, dass die Leute deshalb für mich wählen!”
Wir fahren aus der Stadt heraus und die Straße zu meinem Haus hinauf. Es ist eine der meist befahrensten Landstraßen hier, sie ist eng und voller Löcher, Radfahrer sausen hinauf und hinunter und keiner hat ein Licht am Rad. Kein Mittelstreifen markiert die Straße. Ich bin froh, dass ich die nicht mehr selbst befahren muss, aber selbst hinten im Taxi schließe ich ab und zu die Augen, wenn mir scheint, dass aggressive Autoscheinwerfer von überallher auf mich zurasen.
„Fast täglich passiert hier ein Unglück!”, berichtet mein Fahrer. „Gestern kam ein Combi herunter gerast, er stieß gegen einen Kleinbus auf der entgegengesetzten Fahrbahn, hielt aber nicht an, im Gegenteil, der Fahrer beschleunigte, um zu entfliehen und krachte gegen einen zweiten Wagen, dann entschwand er. Niemand hat ihn verfolgt, niemand hat das Nummernschild gelesen. Im zweiten Auto ließ er einen Schwerverletzten zurück.”
Ich weiß nicht mehr zu sagen als „Wow!”
„Und haben Sie gehört, Señora, dass vorgestern eine Bande die Bank hinterm Rathaus überfallen hat? Die Sicherheitsbeamten konnten oder wollten keinen Widerstand leisten. Die Räuber haben drei Millionen Pesos erbeutet. Gestern haben sie, wahrscheinlich dieselben, GasCom überfallen. Da haben sie einen Reibach von einer halben Million Pesos gemacht, aber der armen Sekretärin haben sie ein Loch in die Lunge geschossen, die liegt auf der Intensivstation hier im Krankenhaus!”
Diesmal ist mein „WOW” wesentlich erschrockener, denn zwar kenne ich die Sekretärin von GasCom nicht persönlich, aber jedes Mal wenn ich dort anrief, um das Gas für unseren Tank zu bestellen, ist sie am Telefon gewesen.
Vielleicht sollte ich mehr Zeitung lesen oder Radio hören, um zu wissen, wie viele schreckliche Dinge täglich um mich herum geschehen? Nein, entscheide ich, es ist genug, wenn mir ab und zu ein Taxifahrer diese Nachrichten zukommen lässt.
„Diese Banden fasst nie jemand, kommentiert er. „Hier gibt es keine Polizei, die nachforscht und herausfindet. Die meisten Opfer gehen deshalb nicht mal zur Polizei.”
Ich weiß, dass das so ist und dass ich endlich bei mir zu Hause angekommen bin. Ich bezahle, steige bedrückt aus dem Taxi und laufe durch den dunklen Garten zum Haus.
Vielleicht sollte ich ein paar Tage zu Hause bleiben und nicht mehr rausgehen? Aber ich weiß, dass dann meine Angst nur wächst. Stattdessen setze ich mich an meinen Computer, um ein Meditationswochenende vorzubereiten, dass uns helfen soll, mehr Frieden im Herzen zu tragen.
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Kommentare: 3
M.mit C (Montag, 01 März 2010 09:15)
Ich finde Kikis Geschichten immer super interessant und ich würde mich freuen noch öfter von ihr zu lesen....
Katharina Böhme (Mittwoch, 03 März 2010 11:30)
Kiki wird sich freuen, das zu hören!
Sie hat zusammen mit drei Freunden eine eigenes Blog: http://simulantin.wordpress.com/
Ansonsten bin ich natürlich glücklich, dass sie mir ihre tollen Taxigeschichten für mein Blog zur Verfügung stellt. Und ich werde sie veröffentlichen, solange sie reichen. (momentan gibt es ca. 20 Stück)
Kiki Suarez (Mittwoch, 03 März 2010 14:44)
Ja, und ich fand noch 33 weitere Gerschichten aus meinem Mayaland, wenn auch nicht an Taxis gebunden. Ei9ne skurrile, manchmal erschreckende, dann wieder recht aufstellende Welt hier. Gutes im Chaos. Ich bin selbst immer wieder erstaunt.
Kiki