Von Hexern und Heilern

Als ich zum ersten Mal aus Mexiko auf Urlaub nach Deutschland kam und meine Großeltern besuchte, schwörten sie auf einen Heilpraktiker, der ihnen besser zu helfen wusste als jeder Arzt. Ich litt unter Beschwerden im Unterleib und suchte diesen Mann auf. Seine zwei Wartezimmer waren proppevoll, so setzte ich mich auf die Treppe, bis der Mann aus seinem Sprechzimmer kam und mich anherrschte, auf der Treppe könne ich nicht sitzen. Dummerweise wartete ich trotzdem weiter. Als ich nach zwei Stunden endlich an die Reihe kam, guckte dieser Mann mir lange die Iris an, dann sagte er:

 

Sie haben Myome! Gehen Sie unten in die homöopathische Apotheke und kaufen Sie sich die Tropfen, die ich ihnen hier aufschreibe!

 

Während er das Rezept ausschrieb fragte er: Wo wohnen Sie?

 

Ich lebe in Mexiko!

 

Er guckte mich an und blökte: In Mexiko, einem Land mit so schmutzigen Menschen?

 

Mir schien, ich hatte da einen alten Nazi vor mir! Bevor ich die Treppe hinunterstürzen konnte musste ich ihm 50 DM zahlen. Gleich unten von der Telefonzelle aus rief ich einen Gynäkologen an, der mich erstaunlicherweise noch am selben Nachmittag untersuchte. Ich hatte keine Myome, nur eine Pilzinfektion.

All kinds of love (c)Kiki Suarez

Kaum in Mexiko zurück bekam mein Sohn sehr hohes Fieber. Ich wollte mit ihm zum Kinderarzt. Ein Freund meines Mannes war gerade zu Besuch und schlug uns vor: Nein, geht nicht zum Arzt. Meine Schwester ist eine gute Heilerin. Der Junge hat wohl nur den Bösen Blick!

 

Die Angst vorm Bösen Blick terrorisiert weite Schichten der mexikanischen Bevölkerung. Babys und Kleinkinder sind besonders empfänglich für den Bösen Blick. Einziges Gegenmittel ist ein Amulett aus Bernstein, der in chiapanekischen Minen reichlich gefunden wird. Fast jedes mexikanische Baby trägt ein solches Amulett am Ärmchen. Da es heute Plastikimitationen von Bernstein gibt, die billiger sind, hilft heute auch Plastik. Aber erst mal versucht jede Mutter ihr Kind vor den Blicken der anderen zu verstecken. Deshalb tragen die Frauen selbst bei wärmstem Wetter ihre Babys immer unter vielen dicken Decken versteckt. Eine andere Frau könnte dieses Baby attraktiv finden und neidisch werden. Aus ihrem Neid kommt der Böse Blick, der das Baby bis zum Tode vergiften kann. Um herauszufinden, ob ein krankes oder deprimiertes Kind vom Bösen Blick befallen ist, müssen die Eltern einen Heiler holen, der nimmt ein rohes Hühnerei, das er über alle Stellen des kranken Körpers gleiten lässt, dann wird das Ei in einem Glas mit ein bisschen Wasser darinnen aufgeschlagen. Daran wie Eiweiß und Eigelb sich mit dem Wasser vermischen, erkennt der Schamane, ob es sich hier um den Bösen Blick handelt oder nicht. Ich war schon bei einigen dieser Zeremonien zugegen gewesen. Niemals hatte der jeweilige Heiler sich gegen den Bösen Blick entschieden.

 

Amo a mi monstruo (c)Kiki Suarez

Trotz meiner Skepsis ließ ich mich auf das Experiment mit der heilenden Schwester des Freundes ein. Sie kam. Keine Indianerin, eine völlig modern anmutende junge Mexikanerin. Sie rieb den Körper meines Sohnes mit dem Ei ab, schlug es auf und wie erwartet war die Diagnose: Böser Blick! Ich versteckte mein Kind nicht, sondern trug es in einem Tragetuch um meinen Leib gebunden tagtäglich durch die Straßen der Stadt, wo Hans und Franz ihre Augen an dem ungewöhnlich blonden und freundlichen kleinen Jungen laben konnten! Ich war eine verantwortungslose Mutter gewesen! Deshalb musste die Heilerin nun lange unser Haus mit wohlriechenden Bündeln von Basilikum durchwedeln. Auf das bei Indianern übliche Opfer von mindestens einem Huhn verzichtete sie. Dann brachte sie mir einige Kilo Tonerde, in die ich mein Kind dreimal am Tag stecken sollte. Sie nahm kein Geld für ihren Dienst.

 

Die Behandlung mit der Tonerde zeigte Wirkung: sobald ich Julian da hineinsteckte, sank das Fieber, aber kurz nachdem ich ihn wieder aus seinem Schlammbad herausholte, stieg es jedes Mal wieder hoch. Nach zehn Tagen hatte ich nicht mehr die Nerven, die Behandlung fortzusetzen. Ich holte den Kinderarzt. Der stellte eine schlimme Angina fest und verschrieb Antibiotika. Nach drei Tagen war Julian wieder obenauf.

 

Einige Jahre später fiel ich in Depressionen, die sich in meiner Familie vererben. Keine Therapie und keine Pille erleichterte mich und eine mexikanische Bekannte erzählte mir von einem in vielen Kreisen der Stadt bekannten Heiler. Er hatte ihre epileptische Tochter vor dem Tod gerettet. Sie war mit der Tochter durch ganz Mexiko von Arzt zu Arzt gereist und keiner habe helfen können. Dieser Heiler hat ihr das Leben gerettet! Er hat viele Anhänger, die kommen bis aus Tapachula! Wir haben ihm draußen vor der Stadt seinen eigenen Tempel gebaut! erzählte sie mir.

 

Verzweifelt wie ich war, begleitete ich sie zu diesem Heiler. Die Frau des Heilers begrüßte uns freundlich und führte mich in einen Raum ihres kleinen mexikanischen Hauses. Da war ein riesiger Altar. Da war Jesus am Kreuz, der auf zahllose Kerzen herunterblickte, die in roten und weißen Plastikbechern flackerten. Ich entdeckte ein großes Bild der Jungfrau von Guadalupe, der mexikanischen Schutzheiligen, hinter Bergen von Kräutern . Es roch nach Ocote, dem Baumharz, das die Mayas als wohlriechenden Inzens verbrennen. Ich schaue diese Altäre immer sehr gern an, sie sind oft das Schönste und Kunstvollste in den Häusern und Wohnungen der Mexikaner.

Fuego en la panza (c)Kiki Suarez

Der Heiler trat in den Raum. Sofort war er mir nicht nur unsympathisch, sondern körperlich widerlich: Da stand ein Mann mittleren Alters, etwas fett, wie Mexikaner oft sind, mit einem unschönen Gesicht: weißhäutig und nichtssagend. Meine Freundin hatte mir erzählt, bevor er Heiler wurde, sei er Polizist gewesen und die Energie, die er ausstrahlte war eben die eines ziemlich unsympathischen Bullen! Ich hatte nächtelang nicht schlafen können und war ziemlich durch den Wind, deshalb traute ich meinem Gefühl nicht und blieb da. Der Mann fragte mich nach meinem Namen, dann murmelte er lange Gebete, in denen ich nur immer wieder meinen Namen heraushörte. Er bewedelte mich lange mit Basilikumbündeln. Dann sagte er: Du musst 21 Tage lang jeden Tag wieder herkommen, dann wirst Du geheilt sein! Er hatte mich überhaupt nicht nach meinen Krankheitssymptomen gefragt. Bevor ich aus dem Zimmer hinausging, entdeckte ich eine Schale, in die ich soviel oder so wenig Geld legen konnte wie ich wollte. Ich wollte meiner Freundin keinen schlechten Eindruck hinterlassen und ließ 100 Pesos da, etwa 10 Dollar.

 

In der folgenden Nacht schlief ich wieder nicht und litt unter noch mehr Angstattacken als in den vorangegangenen. Ich kehrte nie wieder zu diesem Mann zurück, aber ich fand schließlich ein Antidepressivum, das mir half. Etwa zehn Jahre später traf ich dieselbe Bekannte wieder, sie war entsetzt: die nun volljährige Tochter ihres beliebten Heilers hatte ihren Vater wegen sexuellen Missbrauches angezeigt!

 

by Kiki Suarez

 

www.kikitheartist.com

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