Tropicoco

 

Wir sind in Kuba, haben uns den Touristenteil Havannas angeguckt, in der Bar Floridita, die Hemingway so bekannt gemacht hat, ein sauteures und fast ungenießbares Mahl zu uns genommen und sind des Hotels müde, in dem wir für teures Geld ziemlich schlechte Leistungen bekommen. Wir fahren 20 km hinaus an einen der bekannten Strände.

 

„Tropicoco ist der beste!“ sagt uns ein Taxifahrer und verfrachtet uns dorthin. Uralte Autos versuchen, auf einer breiten Betonstraße zu rasen.

 

„Das ist aber eine gute Straße!”, bemerkt mein Mann.

 

„Ja, die ist noch vor der Revolution konstruiert worden!”, erklärt uns der Chauffeur. Hier sehe ich zum ersten Mal viele Propagandaplakate, ansonsten gibt es wenige. Sie preisen 50 Jahre Revolution, sprechen viel von Blut und Heimat und überall erscheint der Che. Fidel so gut wie nie. Ein junger Che ist eben ansehnlicher als ein alter Fidel. Auch Hugo Chavez strahlt von den Billboards. Insgesamt sehen aber auch diese Propagandaschilder alt und abgewetzt aus, die Farben verblichen.

 

Wir verbringen einen unserer besten Nachmittage vor einem zusammenfallenden Hotel am Tropicocostrand. Der Strand ist breit, der Sand fein und weich, das Meer türkisblau und warm. Hier mischen sich Touristen und Kubaner und oft als Pärchen: olle und dicke Kapitalisten mit jungen dunkelhäutigen Kubanerinnen, aber auch ältere blonde Europäerinnen mit ansehnlichen jungen Kubanern. Manche halten Händchen und scheinen richtig verliebt zu sein. Andere lachen. Dazwischen laufen alte Kubanerinnen herum und verkaufen Erdnüsse oder betteln um Seife oder einen CUC, diesen kubanischen Dollar, der nur 80 Cents wert ist, weil 20% schon mal gleich an die kubanische Regierung gehen.

 

Vor uns legt ein Masseur jeden der will auf einen Restaurantplastiktisch und massiert ihn. Der Ober ist pechschwarz und hat ein wundervolles Lachen. Gruppen von Musikern gehen von Palapa zu Palapa und spielen einem für einige CUCs ordentlich auf. Einer trägt sogar ein Cello durch die Hitze, über Strand und Sand. Die machen ordentlich Stimmung. Sie tanzen, singen, scherzen, lieben es, dass wir aus Mexiko sind. Sie kennen alle Lieder aller mexikanischen Komponisten. Sie bitten meinen Mann um eine Zigarre. Nein, sie können sich ihre eigenen kubanischen Zigarren nicht leisten. Sie betteln um die Wasserreste in unseren Plastikflaschen. Nein, Wasser ist ihnen zu teuer zum Kaufen, lieber schlabbern sie unseren Speichel mit auf.

 

Kubaner und Ausländer scheinen sich ungeniert und unbehindert zu mischen. Ich hatte immer gehört, dass Polizisten diese Begegnungen zu unterbinden versuchen. Da laufen auch überall junge und sehr hübsche Polizisten herum, aber sie scheren sich nicht um die Kommunikation am Strand. Später sehe ich, wie einer rennt, um den Zigarrenstummel meines Mannes aus dem Strandsand herauszugraben, um ihn dann wohl selbst noch ganz aufzurauchen.

 

Eine dunkle Wolke zieht auf, der Wind wird wild, wir packen unsere Sachen zusammen und wollen zu den Taxis laufen, die vor dem Tropicocohotel auf solche wie uns warten. Da kommt ein junger Mann mit einem wunderschönen Lächeln auf uns zu und bietet uns seine Taxidienste an. Bei den Augen und dem Lächeln können wir nicht ablehnen, obwohl wir das am liebsten täten, als wir bei seinem Auto ankommen: einem 50 Jahre alten Moskwitsch. Passen wir da überhaupt hinein?

 

„Klar!“, ruft der junge Mann, der sich mit dem schönen Namen Yrandy vorstellt.

 

Wir passen zwar kaum hinein, aber es beginnt draußen zu gießen und nun sitzen wir wenigstens in der Blechkiste. Meine Tür ist nicht zu öffnen und mein Fenster noch weniger. Im Auto stinkt es nach Benzin.

 

Yrandy lacht. „Ich bin glücklich!”, bekennt er, „ich bin nämlich kein offizielles Taxi, oft habe ich tagelang keine Fahrten, aber der Poli hier riet mir, auf Sie zuzugehen und der hat mir Glück gebracht. Dafür muss ich ihm nachher 2 CUC zahlen. Aber das ist okay.”

 

Wir rattern los. Immerhin sitzen wir im Trockenen und die Karre bewegt sich.

 

„Mein Großvater hat mit Fidel Castro in der Revolution gekämpft“, erzählt er. „Dafür hat er damals dieses Auto bekommen. Aber dann gab es keine Ersatzteile dafür. Heute gibt es die, aber wir müssen sie mit teuren CUCs kaufen. Wer nicht mit Touristen in Kontakt kommt, kriegt aber keine CUCs. Mein Großvater arbeitet in der Landwirtschaft, er kriegt nie CUCs. Also hat dieses Auto Jahrzehnte vor sich hinvegetiert. Jetzt arbeitet meine Frau in einem Hotel und kriegt monatlich ein paar CUCs zusammen. Da habe ich das Auto ein bisschen aufgemöbelt und mit dem Taxifahren begonnen. Aber als Pirat. Ich habe es noch nicht geschafft, eine offizielle Erlaubnis zu bekommen …”

 

Wir fahren an einem Polizeiwachturm vorbei. Yrandy grüßt den Poli da oben und stöhnt,

„Nun hat der mich erkannt. Er weiß nun, dass ich eine Fahrt ergattert habe. Dafür muss ich dem nachher auch 2 CUCs zahlen.”

 

Ein Liter Benzin kostet auch 2 CUCs.

 

„Mir ist es wurscht”, sagt Yrandy”, ob Kommunismus oder Kapitalismus, ich möchte nur ein bisschen besser leben. Das Leben hier ist unmöglich. Ich habe Verwandte in Miami, ich kann auswandern, aber meine Schwiegermutter will hier nicht weg. Und meine Frau will ihre Mutter nicht allein hier zurücklassen und so bin ich hier gefangen.” Ich sehe im Rückspiegel, wie sein strahlendes Lachen verschwunden ist.

 

Im Hotel angekommen gibt er uns seine Visitenkarte, damit wir ihn am kommenden Tag wieder anheuern können. Ich möchte das auch, aber meinem Sohn ist von dem Benzingestank so kotzübel, dass er sich weigert, noch mal mit Yrandy zu fahren.

 

Am nächsten Tag kutschiert uns ein molliger, älterer Kubaner von der Rumfabrik, in der der beste Rum nur für Regierungsleute reserviert ist, wieder an den Tropicocostrand. Wir fahren in einem uralten, aber großen Cadillac. Diese schönen und romantischen Gefährte gehören alle der Regierung. Wir kutschieren durch Straßen, die Ruinen sind. Der Mann lacht und rät uns: „Macht Euch bloß keine Gedanken über unsere Lage hier in Kuba, sonst genießt Ihr Eure Ferien nicht mehr!”

 

Einige Tage später will ich nur noch raus aus diesem Land. Jeder Pups kostet einen mindestens einen CUC. Nur mal das Telefon abheben im Hotelzimmer, auch wenn es nur die Enkelin war, die spielen wollte und man hat keine Nummer gewählt: einen CUC! Wenn aus dem Handtuch vom Swimming Pool ein Fädchen heraushängt: 20 CUC blechen! Eine Stunde Internet – und was für ein lahmes – 10 CUC.

 

Am Flughafen wird nur ein einziger Flug eingecheckt, unserer. Drei Angestellte sind damit beschäftigt. Zweien fällt das Computernetz zusammen, einer kann die Flugscheine nicht ausdrucken, wir werden schroff von einer Linie in die andere bugsiert. Als mein Mann protestiert, wird er so böse angemacht, dass ich fürchte, dass er gleich abgeführt wird. Da kommt schwitzend unser Taxifahrer noch mal den ganzen Weg vom Hotel zum Flughafen zurück. Er freut sich wie ein Schneekönig, dass wir noch nicht eingecheckt sind, er strahlt, er schwitzt, er entschuldigt sich tausendmal: Der Rezeptionist hat beim Bezahlen unserer Rechnung ein Sandwich vergessen – 20 CUC – Gott sei Dank, dass wir noch nicht weg sind, Gott sei Dank, dass wir sofort akzeptieren und die 20 CUC bezahlen, denn sonst, so versichert er uns, verlöre der Rezeptionist heute seinen Job.

 

by Kiki Suarez

 

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