Tot

Meine Freundin Sami plante einen Europaurlaub mit ihren drei erwachsenen Kindern. Sie hatte jahrelang darauf gespart. Fünf Tage vor dem Abflug rutschte sie hier in einer Straße im Zentrum aus. Das passiert leicht, die Bürgersteige sind eng und hoch, weil in der Regenzeit die Straßen in Minuten überfluten. Überall sind Garageneinfahrten, die das ebene Gehen unterbrechen, Löcher, Straßenköter, Müllsäcke und Menschengewimmel. Sami konnte nicht aufstehen. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, der Arzt meinte, sie hätte ihren Oberschenkelhals gebrochen. Sie kam ins Krankenhaus in der Hauptstadt, lag da wochenlang, wurde geröntgt, untersucht nach allen Möglichkeiten der ärztlichen Kunst. Schließlich kam das erschütternde Ergebnis: Sami litt an einem seltenen Blutkrebs, der Tumore in den Knochen hervorbringt: Mieloma Multiple. Unheilbar. Sie war nicht gefallen und hatte sich etwas gebrochen, sondern ein Tumor hatte ihr einen Teil der Hüfte weggefressen und deshalb war sie gefallen.

 

Ich las im Internet, durchschnittlich lebt ein Mensch drei Jahre mit der Krankheit. Die chemische Keule, die die Contergankinder hervorbrachte in den 50er Jahren, ist ein Wundermittel für Mieloma, es zögert den Verfallsprozess hinaus.

 

Sami wollte keine moderne Medizin. Sie kehrte zu ihrer Familie nach Guatemala zurück und begab sich in die Behandlung eines alternativen Heilers, kein Schamane, nein, ein ehemaliger Tierarzt, der mit einem Antikrebsmittel experimentiert, das er an Pferden ausprobiert hat.

 

Das war vor fast sechs Jahren. Sami hat die alternative Behandlung abgeschlossen, hat die Droge eingespritzt bekommen, die die Grundlage für Contergan war, sie hat Kräutermischungen geschluckt, monatelang fast gelähmt im Bett gelegen, ihr eines Bein kann sie immer noch nicht gebrauchen, aber inzwischen flitzt sie im Rollstuhl umher, fühlt sich leicht auf Krücken und fährt sogar wieder Auto. Gerade hat sie mir geschrieben, dass sie wieder begonnen hat, Psychotherapie zu betreiben.

 

Fast fünf Jahre konnte Sami nicht Auto fahren. Ihr alternativer Heiler war in Guatemala City und sie musste täglich hin und wieder nach Hause gefahren werden. Guatemala City ist ein sehr gefährliches Pflaster. Ganze Stadteile werden von Straßenbanden kontrolliert. Ich kannte zwei junge Männer, die dort ermordet worden sind. Also brauchte Sami einen vertrauenswürdigen Taxifahrer. Sie fand Aldo.

 

Sami kommt regelmäßig nach San Cristobal, sie hat noch ein Haus hier, das sie vermieten muss. Sie besucht uns, wir essen miteinander und ich versuche ein bisschen Kraft von ihr abzustauben, damit die mir beim Bewältigen meiner Retinitis Pigmentosa hilft.

 

Vor ein paar Wochen, bevor Sami versucht hatte, wieder selbst Auto zu fahren, saßen wir beim Essen.

 

„Ich habe dir von meinem Taxifahrer Aldo in Guatemala City erzählt …”, beginnt sie unser Gespräch. Ich nicke. „Weißt du, Kiki, das war wunderbar mit Aldo. Er wusste, wie er mich begleiten musste vom Stuhl zum Auto, wie er mich ins Auto hineinsetzen konnte, ohne dass es mir zu weh tat. Manchmal kam er täglich, um mich zu meiner Behandlung zu fahren und dann wieder nach Hause. Er erzählte mir sein Leben, von seiner Familie, seine Sorgen. Ja, wir tranken schließlich immer erst einen Kaffee und schwatzten ein Weilchen, bevor wir durch das Chaos der Stadt fuhren. Letzte Woche, schnackten wir, dann ging ich zum Auto, er packte die Krücken in den Kofferraum und wir fuhren los. Er setzte mich ab und sagte, er müsse etwas besorgen und sei in einer Stunde zurück, um mich abzuholen. Und dann kam er nicht. Das war noch nie vorgekommen. Nach zwei Stunden war er immer noch nicht wieder aufgetaucht. Ich rief seine Handynummer an, aber niemand antwortete. Schließlich hatte mich meine Schwester abgeholt. Am nächsten Tag stand es in der Zeitung: Aldo war durch die Zone 1 gefahren. Das ist die gefährlichste Zone in Guatemala City. Alle Taxifahrer wissen, dass sie für nichts und niemanden anhalten dort. Jemand versuchte aber, Aldos Taxi dort anzuhalten. Er fuhr unbeirrt weiter. Da knallte ein Schuss und zerbarst Aldo den Kopf. Der Mann, für den er nicht angehalten hatte, hatte ihn kurzerhand erschossen!”

 

Sami weint jetzt und ich sitze da mit offenem Mund. Ich bin froh zu hören, dass sie Guatemala Stadt jetzt verlassen und an den Atitlansee ziehen wird.