Sieben Truthähne
Nach einigen Jahren liefen unsere Geschäfte besser und wir konnten uns draußen vor der Stadt ein Haus bauen. Unser Haus liegt genau an der Grenze zwischen San Cristobal und Chamula – Land. Die Chamulas sind die zahlreichsten und renitentesten der Hochlandmayas: raue Gesellen, die ungemein kräftig und widerstandsfähig sind. Die, die bei ihnen die Macht haben, haben den Rest des Volkes fest im Griff. Ihren Priester haben sie vor Jahrzehnten verjagt und feiern in ihrer offiziell römisch – katholischen Kirche eine Mischung aus Katholizismus und heidnischen Bräuchen. Da brennen Kerzen auf dem Fußboden, laufen räudige Hunde zwischen den Betenden herum, heilen Heiler mit rohen Eiern und lebenden Hühnern. Da wird geklatscht, gesoffen, was es das Zeug halt, in einer Art tibetanisch anmutenden Gesang stundenlang gebetet, gelacht und geweint: alles gleichzeitig. Sie glauben: Wer nicht betrunken ist, kann nicht mit Gott kommunizieren. Damit treiben die einflussreichen Familien, die das alkoholische Getränk produzieren, den Pox, den Rest der Bevölkerung in die Trunksucht. Evangelische Missionare haben zusehends Erfolg, einfach weil sie den Chamulas bestätigen, dass sie um mit Gott zu kommunizieren eben nicht betrunken sein dürfen. Zwischen traditionellen und neu bekehrten Chamulas wettert seit Jahrzehnten ein hässlicher Krieg um Land und Leben.
Unsere direkten Hausnachbarn sind bekehrte Chamulaindianer, die nicht trinken und viel arbeiten. Gleich hinter unserem Haus beginnt das Land der traditionellen Chamulas.
Als meine drei Söhne noch klein waren, war es noch ganz ungefährlich, zu einem kleinen Gebirgsbach zu wandern, der hinter unserem Grundstück in einem kleinen Tal liegt. Da spazierte ich eines Nachmittags mit den Dreien hin. Wir passierten die kleine Brücke, ließen unseren Hund ein bisschen frei laufen, einen Alaska Malamut. Der freute sich wie ein Schneekönig. Die Kinder sprangen im Fluss von Stein zu Stein, ich setzte mich ins Gras am Ufer und sah den Chamulafrauen zu, die auf den großen Steinen ihre dicken Wollröcke und Blusen dick mit Seifenpulver einrieben und dann schlugen. Manche hatten mit demselben Seifenpulver zuvor ihre wunderschönen, langen, schwarzen Haare gewaschen und das nasse Haar in einem riesengroßen Knoten auf ihrem Kopf zusammengeknüllt.
EL PAJARO DE LA CUIDAD (c)Kiki Suarez
Plötzlich raste unser Hund wie von einer Tarantel gestochen los, ich ahnte sofort Schlimmes, schrie was meine Lungen hergaben, aber er kam trotzdem nicht zu mir zurück, bis er nicht einen Truthahn im Maul anschleppen konnte, dessen Hals lang und traurig aus seinem Maul hing. Ach du mein lieber Gott, nun war ich in der Bredouille!
Im Nu waren wir von fünf Chamulaindianern umzingelt, alle mit einem Gewehr über der Schulter. Sie blickten mich aus kleinen und äußerst verärgerten Augen an und meine Jungen aus recht verängstigten zu mir hoch. Der Hund begann, seinen Truthahn zu verspeisen.
Dein Hund hat meinen Truthahn getötet! rief der eine Mann böse
Ja, hat er, gab ich kleinlaut zu.
Den musst du bezahlen! schrie der Mann mich an.
Ja, den bezahle ich natürlich, willigte ich ein, aber ich habe kein Geld bei mir. Das Geld ist bei mir zu Hause.
Dann lass den Hund hier und geh und hol dein Geld und bring es her!
Indianer behandeln Hunde schrecklich. Ein Sprichwort hier heißt: Der Hund ist der Indio des Indios! Indianerkinder machen sich einen Spaß daraus, fremde und eigene Hunde zu quälen, zu strangulieren, absichtlich zu überfahren oder zu vergiften. Ich hatte schon einige Hunde auf diese Art und Weise verloren. Ein Hund, der die Hühner und Truthähne der Nachbarn frisst, ist hier schnell ein toter Hund.
Nein, meinen Hund lasse ich nicht hier! widersetzte ich mich.
Dann musst du uns etwas anderes von Wert hier lassen! forderte ein anderer Mann.
Ich kam auf die Idee, ihnen meine Armbanduhr zu lassen. Sie akzeptierten. Ich tigerte mit Kindern und Hund, der inzwischen satt war, und den halben Truthahn hatte liegenlassen, nach Hause. Der Mann hatte 100 Pesos haben wollen, 10.- US Dollar. Ein sehr hoher Preis, aber ich war nicht in Stimmung herumzufeilschen. Die Jungen wollten zu Hause bleiben, aber ich befahl ihnen, mich zurück zu begleiten. Diese Männer machten mir Angst und mit Kindern ist frau in Mexiko meistens sicherer als ohne.
SOY UNA GALLINA (c)Kiki Suarez
Die Männer standen vor ihrem Holzhaus und warteten, ich bezahlte das Geld und sie gaben mir meine Uhr zurück. Jetzt lachten sie und spaßten ein bisschen mit den Jungen herum. Wieder zu Hause sperrte ich den Hund zur Strafe ein.
Am übernächsten Morgen klopfte es an der Haustür. Ich öffnete und entdeckte einen älteren Chamulaindianer in seinem weißen Wollchuk, der sagte lakonisch:
Gestern Abend hat dein Hund meine sieben Truthähne gefressen!
Ich war sprachlos und stammelte schließlich: Mein Hund ist seit vorgestern Abend eingesperrt, das ist unmöglich!
Mein Mann stand nun hinter mir und der Indianer wiederholte:
Dein Hund hat meine sieben Truthähne gefressen!
Gabriel lachte. Ich kenne keinen Hund, der sieben Truthähne fressen kann!
Doch, hat er, gestern Abend, beharrte der Mann mit todernstem Gesicht. Ich bin euer Nachbar von hier hinter dem Fluss!
Mein Mann sagte: Der Hund ist eingesperrt und wenn du behauptest, er habe deine Truthähne gefressen, dann musst du mir das beweisen. Bring mir die Reste dieser Truthähne!
Unmöglich! antwortet der Chamula, da gibt es keine Reste, nicht eine Feder hat er übrig gelassen, dein Hund! Er wollte 700.- Pesos haben.
Es war sonnenklar, dass unser Hund keinen anderen Truthahn hatte erlegen können. Uns war aber genauso klar, dass hier einer unserer Nachbarn stand und gutnachbarliche Beziehungen sind lebenswichtig wenn man lebt, wo wir leben. Wir gaben ihm 600.- Pesos.
Wir hatten nie eine Begrenzung gewollt, aber am nächsten Tag holten wir einen Maurermeister und ließen eine Mauer um unser Haus bauen, damit der Hund wirklich nicht wieder weg konnte.
by Kiki Suarez
Kommentar schreiben
Kommentare: 0