Pechschwarz

 

Als mein Taxi näherkommt, erkenne ich den Fahrer, der mir vor einiger Zeit erzählte, wie er täglich den Vögeln in seinem Garten Essen zubereitet. Ich freue mich, mit ihm zu fahren.

 

„Wie geht es der Nachtigall?”, frage ich ihn, kaum dass ich hinten im Auto sitze.

 

Der Mann antwortet nicht sofort, seine Stimme zittert, als er sagt: „Die ist tot!”

 

Ich bin sprachlos.

 

„Die Katze eines Nachbarn hat sie vor ein paar Tagen aufgefressen, Doña Kiki.”

 

Neulich war ich noch richtig ein bisschen neidisch auf seine Nachtigall, nun sitze ich bestürzt da, weil sie tot ist.

 

„Ich hatte einen guten Hund”, erzählt der Fahrer, „eben, damit er die Katzen fernhält. Aber die Nachbarskinder vergifteten ihn. Mit irgendeinem Gift. Der Tierarzt riet mir, dem Hund einen Liter Speiseöl einzutrichtern, aber das half alles nichts mehr. Der ist nie aus dem Haus gegangen, hat nie Hühner von Nachbarn gefressen, die haben mir den ohne jeden Grund vergiftet.”

 

Ich sehe das düstere Gesicht meines Chauffeurs im Rückspiegel. Es erscheint mir älter als vor ein paar Wochen. Es ist eine Art Sport und Vergnügen, in vielen Bevölkerungsschichten Mexikos, Hunde zu triezen und zu vergiften und sich über das Jaulen und Leiden eines zu Tode vergifteten Tieres kaputtzulachen. Ich habe das selbst viele Male erlebt.

 

„Neben mir wohnt eine Frau”, berichtet der Mann weiter, die „lebt mit 17 Katzen, sie streichelt und küsst die. Eine von denen hat sicher meine Nachtigall gefressen. Der Katze kann ich das nicht anlasten, das ist ihr Instinkt, Vögel zu fressen. Mit der Nachbarin kann ich nicht reden, damit sie den Katzen Glöckchen umhängt. Die ist ein bisschen durchgeknallt. Sie sagt, Katzen sind besser als Menschen und die Krönung der Schöpfung. Ihren Katzen bin ich nun ausgeliefert, bis ich mir einen neuen Hund anschaffe, aber ich bin noch zu traurig über den Verlust des alten. Ich fürchte, dass auch der neue schnell von den Nachbarskindern vergiftet werden wird. Sie werfen einen Happen mit Rattengift über den Zaun und schon ist es zu spät.”

 

„Ich liebe so vieles in Mexiko”, sage ich, „aber dies ist eine pechschwarze Seite der hiesigen Kultur.”

 

„Ja, und meine Zitronen- und Pfirsichbäumchen, die ich ja nur für die Vögel gepflanzt habe und die jetzt Früchte tragen, die stehen auch traurig da. Die Früchte hängen da und keiner pickt an ihnen. Gestern habe ich noch einmal meine Brot- und Samenkugel zubereitet und auf die Gartenmauer gelegt, aber kein Schnabel hatte heute Morgen daran gepickt.”

 

„Da ist kein einziger Vogel mehr?” wundere ich mich.

 

„Die Kinder haben nicht nur meinen Hund vergiftet, sie laufen den ganzen Tag mit Katapulten herum und schießen alle Vögel tot! Ich habe mit vielen der Eltern gesprochen, aber die finden nichts dabei, dass ihre Kinder alles töten, was da kreucht und fleucht. Sie sagen, das sei normal. Als sie Kinder waren, hätten sie das genauso gemacht.”

 

Ich stöhne. Ja, das kenne ich auch. Wir mussten eine hohe Mauer um unser Grundstück bauen, etwas, das wir jahrelang hatten vermeiden wollen, aber die Nachbarskinder vernichteten einfach jeden Vogel und jedes Eichhörnchen. Die Vögel, die diese Attacken überleben, lernen, dass sie sich in andere Gärten verziehen müssen, möglichst weit weg von Kindern, was in Mexiko ein unmögliches Kunststück ist.

 

Wir sind angekommen. Ich bezahle.

 

„Ich möchte Sie so gern trösten”, sage ich zu dem Mann, „aber ich weiß nicht wie. Wir Menschen sind schrecklich.”

 

Er dreht sich zu mir um und ich meine, in seinen Augen Tränen zu sehen. „Die Vögel sind frei”, betont er, „sie kennen keine Politik und keine Grenzen. Sie singen und zwitschern. Das habe ich jeden Morgen genossen. Deshalb liebe ich sie. Ich werde mir schnell einen neuen Hund anschaffen.”

 

Ich steige aus und habe für heute mal wieder alle Hoffnung für die Menschheit verloren.

 

by Kiki Suarez

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Kommentare: 1

  • #1

    Rosa Morgenstern (Donnerstag, 29 April 2010 13:37)

    Es ist wirklich grausam Tiere grundlos zu quälen. Aber wenn es den Menschen nicht gut geht, dann brauchen sie immer noch jemanden, den sie fertig machen können, damit sie sich selber besser fühlen. In diesem Fall harmlose Tiere. Da kann man sich mal so richtig stark und mächtig fühlen, wenn man andere leiden lässt.

    Tierquäler sind dumm und gefährlich. Sie gehören in den Knast!

    Das klingt jetzt vielleicht weit hergeholt, aber viele Serientäter haben als Kinder Tiere gequält. Es fängt im Kleinen an. Irgendwann geht der Reiz verloren und dann sucht man sich größere Objekte.

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