Nie mehr im Taxi

 

Juan der Verrückte lebt seit Jahrzehnten hier. Er ist schizophren, was besonders auf den vielen Partys hier auffiel, weil er da trank oder zu viel Marihuana rauchte und dann in Krisen kam, die unsere festlichen Gesellschaften derart erschreckten, dass Juan erstmal nicht mehr eingeladen wurde. Er fand trotzdem Frauen, Ausländerinnen, mit denen er Kinder hatte. Alle Ehen gingen auseinander. Eine Frau ging mit den Kindern nach Europa zurück.

 

Außer auf unseren Partys auszuflippen, bietet Juan Fußreflexzonenmassagen an. Die wurden mir aber schnell zu viel, weil er mir dabei ununterbrochen astrologische Voraussagen machte und ich stehe nicht auf Astrologie. Er skulptiert aber auch schöne Schmuckanhänger aus chiapanekischer Jade und Bernstein, der hier in Minen gefunden wird. Die verkaufe ich sehr gut in meiner Galerie.

 

Eines Tages kam seine Tochter aus Europa, um ihren Vater wiederzutreffen. Sie hatte ihn zum letzten Mal als kleines Mädchen gesehen und war nun sechzehn Jahre alt. Es gefiel ihr hier bei ihrem Vater, bis sie selbst einen schizophrenen Schub erlitt. Sie kam in die Psychiatrie bei einem Onkel in den USA, nahm fleißig ihre Medikamente, fand sich wieder, kam nach San Cristobal zurück, ließ die Medikamente in der Schublade und stellte sich besser auf Kokain und Crack um.

 

Einer meiner Söhne und seine Frau berichteten mir, wie sie sich um das Mädchen sorgten. „Mama, sie hat kein Geld. Sie ist so verzweifelt, das nächste Kokain zu schnupfen, dass sie hier die Taxis anhält und sich den Fahrern zum Vögeln anbietet.”

 

Zwei Tage später fanden sie die junge Frau ungewaschen und wirr redend in einer dunklen Gasse und brachten sie zu sich nach Hause. Sie gaben ihr zu essen, badeten sie und versuchten, gut auf sie einzureden. Nach einer Weile nahm die Kranke den Computer meines Sohnes und zerschlug ihn. Sie brachten sie wieder auf die Straße zurück, denn in unserer Stadt gibt es keine Psychiatrie oder etwas Ähnliches.

 

Eine Woche später kamen sie weinend zu mir: Die junge Frau war an einer Überdosis Kokain gestorben, absichtlich oder nicht, niemand wusste das. Sie hatten bei ihr Totenwache gehalten.

 

Kurz danach kam meine Schwiegertochter wieder mit Tränen in den Augen und zitternd zu mir. „Kiki, eben ist ein Taxi an mir vorbeigefahren. Da war eine junge Frau drin. Die machte Gesten zu mir: Sie wollte raus aus dem Taxi, sie rief mich um Hilfe an. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, war wie gelähmt und tat nichts. Und jetzt fühle ich mich schrecklich, weil ich nicht weiß, was dieser Taxifahrer mit dieser Frau anstellt.”

 

„Hast du dir die Autonummer gemerkt?” fragte ich.

 

Sie schüttelte den Kopf und da wusste ich auch nicht mehr, was wir unternehmen könnten.

 

Kurz danach wurde bei meiner Schwiegertochter Schizophrenie diagnostiziert. Sie hört Stimmen von einer Gruppe Männer und Frauen, die alle einen Namen haben. Sie sagt, es seien Zapatisten und sie wollten sie töten.

 

Mithilfe von Medikamenten und einem guten Psychiater hat sich der Verfolgungswahn meiner Schwiegertochter so weit beruhigt, dass sie ein halbwegs normales Leben führen kann. Ich weiß bis heute nicht, ob das, was sie damals mit der jungen Frau im Taxi beobachtet hatte, wirklich geschehen ist oder schon eine Angstvorstellung von ihr war. Aber sie fährt niemals mehr in einem Taxi.

 

Seitdem seine Tochter tot ist, kommt Juan nur noch sehr selten, um mir seine Schmuckstücke zu verkaufen.