Mein Leben in Taxis

 

Als ich 1977 nach San Cristobal in Südmexiko kam, gab es in der Stadt für offiziell 25.000 Einwohner fünf Taxis. Die standen meistens am Zocalo, dem zentralen Marktplatz des Städtchens herum. Es waren große alte amerikanische Schlitten und die fünf Chauffeure saßen wie ungekrönte Könige in ihnen. Sie waren eine geschlossene Gruppe, ein „Syndikat“ wie sie es hier nennen, das keine weiteren Männer als städtische Taxichauffeure akzeptierte. Don Enrique war der Chef des Syndikats. Er war Ende fünfzig, dick und während der Taxifahrten, die ich mit ihm unternahm, erzählte er mir von seinen Fahrten ins benachbarte Mayadorf Tenejapa, wo er auf dem Weg in den Wäldern zu beiden Seiten der ungepflasterten Landstraße Ufos habe landen sehen. Er versicherte mir auch, dass er ein alternativer Heiler sei und schon mehrere Menschen vom Krebs befreit habe. Nicht lange danach starb er selbst an Krebs.

 

Unsere kleine Stadt wuchs und wuchs, es kam eine Nissanvertretung, die billig ihre Autos feilbot. Bald danach kam es zum Zapatistenaufstand. Tausende Mayas verließen ihre Dörfer und siedelten sich am Stadtrand an und viele hatten denselben Traum: anstatt auf dem Maisfeld zu ackern oder als Angestellte zu arbeiten, sich in einem abzuzahlenden Nissan als Taxifahrer frei zu fühlen. Auto- und Minibusse waren nicht mehr genug, um den öffentlichen Verkehr zu bewältigen. Hunderte von Antragstellern bekamen von Nissan Kredite, hunderte kümmerten sich nicht mehr um Don Enriques Syndikat. Die Regierung wollte sich mit den Mayas gut stellen, um den sozialen und politischen Konflikt zu bewältigen und gab Taxilizenzen aus wie warme Semmeln. Aus hunderten wurden tausende von Taxifahrern. Frag einen kleinen Jungen am Straßenrand, was er werden möchte, wenn er groß ist, er wird dir sehr wahrscheinlich antworten: Taxifahrer!

 

Inzwischen ist unser Städtchen zur Stadt geworden mit an die 200.000 Einwohnern. An die dreitausend Taxis kreisen durch die meist verstopften engen Straßen. Das Schlechte daran ist der schleichende Verkehr im jahrhundertealten Stadtzentrum, das Gute ist, dass sofort ein Taxi auftaucht, wenn du eins brauchst. Und bei so viel Konkurrenz ist das außerdem noch spottbillig: Die sieben Kilometer vom Stadtzentrum zu meinem Haus kosten mich umgerechnet nicht mal zwei US-Dollar.

 

Da ich mit meiner Retinitis Pigmentosa nicht mehr Auto fahren kann, bin ich heilfroh an einem Ort zu leben, wo Taxis wie Unkraut aus dem Boden zu wachsen scheinen und außerdem billig sind.

 

Fast täglich fährt mich ein Taxifahrer von zu Hause in meine Galerie im Stadtzentrum oder in meine Praxis und später wieder nach Hause.

 

Und manchmal habe ich da beeindruckende Begegnungen.

 

Neulich holte mich ein älterer Mann aus meiner Praxis ab. Er fragte mich, was ich arbeite und ich antwortete ihm, dass ich Psychotherapeutin sei. Gerade hatte ich eine Sitzung mit einer Frau hinter mir, deren Schwiegersohn seiner Frau, also ihrer Tochter, aus Eifersucht die Kehle durchgeschnitten hatte. Ich war beeindruckt. Ich ließ eine Bemerkung fallen über das Gute und das Schlechte im Menschen und wie eine schwere Kindheit, einen Menschen gewalttätig werden lassen kann.

 

Der Mann unterbrach mich. „Nein, stellte er fest“, das glaube ich nicht. Man kann eine schlimme Kindheit haben und doch zu einem guten Mitbürger werden. Ich bin ein Mayaindianer aus Zinacantan. Mein Vater war furchtbar. Er trank und schlug uns täglich. Ich fürchtete mich ununterbrochen, dass er in seinem nächsten Wutanfall meine Mutter oder einen meiner Geschwister oder mich umbringen würde. Als ich acht Jahre alt war, rannte ich von zu Hause weg. Bis nach San Cristobal. Niemand suchte mich. Ich fand einen Maurermeister und bat ihn, mich in die Lehre zu nehmen. Ich lernte bei ihm. Der Mann hatte Mitleid mit mir und nahm mich mit zu sich nach Hause, wo seine Frau mir ein Bett und Essen gab. Dort lebte ich. Irgendwann bekam der Meister einen Auftrag 80 km weit weg in Tuxtla. Ich ging mit ihm, um an dem Bau in Tuxtla zu arbeiten. Ich arbeitete hart, verdiente wenig, aber hatte bei dem Meister immer genug zu essen. Mein Leben war viel besser geworden. Ich wurde ein Teenager wie man heute sagt, in den Indianerkommunen gibt es so etwas nicht. Dort guckt sich ein junger Mann mit 14, 15 Jahren nach einem Mädchen um, das er heiraten kann. Aber ich lernte einen neuen Maurermeister kennen und wechselte zu ihm. Auch er nahm mich als Lehrling an und in seine Familie auf. Mit ihm bereiste ich viele Staaten der Republik, wo immer er Bauaufträge bekam. Ich lernte Mexiko kennen. Ich wurde selbst ein Maurermeister. Zwanzig Jahre später kam ich nach San Cristobal und Chiapas zurück. Ich ging, meine Familie in Zinacantan zu besuchen. Sie lebten alle noch. Mein Vater war alt und trank weniger. Er wollte etwas an mir gutmachen und bot mir ein Stück Land an. Aber ich lehnte ab, ich wollte nicht nach Zinacantan zurück. Ich wollte in San Cristobal leben. Ich lernte meine Frau kennen, heiratete, wir hatten unsere Kinder. Nun sind die groß. Zwei meiner Töchter studieren an der Universität. Als ich ein Taxi kaufen konnte, gab ich meinen Beruf als Maurer auf, denn es ist harte Arbeit und jetzt werde ich alt. Mit dem Taxi geht es mir richtig gut. Ich liebe meine Frau, aus unseren Kindern sind gute Menschen geworden, ich habe ein gutes Leben und bin erfüllt und zufrieden.”

 

Der Mann strahlte diese Zufriedenheit aus. Ich saß da mit meinen psychologischen und soziologischen Theorien und war froh, die so überraschend widerlegt zu finden. Ich gratulierte dem Mann und dankte ihm, dass er mir seine Lebensgeschichte erzählt hatte.