Macho Mann
Mein Taxichauffeur fragt mich, was ich arbeite und ich sage „Psychotherapeutin.“
„Was macht eine Psychotherapeutin?“, fragt er.
„Menschen haben Probleme mit sich selbst, ihrem Partner oder ihren Kindern und kommen, um mit mir darüber zu sprechen”, erkläre ich.
Da erzählt er: „Ja, es gibt Geschehnisse, die liegen schon so lange zurück und man kann sie doch nicht vergessen …”
„Wenn das passiert”, sage ich, „muss man manchmal noch etwas aufarbeiten, da ist noch ein Schmerz, den man nicht verdaut hat.”
Er nickt, erzählt mir aber nicht, was es ist, das er nicht vergessen kann und ich bohre auch nicht nach. Ich habe vier Stunden Therapie hinter mir und bin nicht neugierig auf ein weiteres menschliches Problem.
Aber er fragt weiter: „Was würden Sie sagen, ist das häufigste Problem, mit dem Menschen zu Ihnen kommen?”
„Es ist immer dasselbe Problem“, antworte ich schnell, ” es ist der Gedanke, dass ich selbst nichts wert bin. Weil mich mein Partner verlassen hat, weil ich meine Arbeit verloren habe, weil ich mich alt, dick und hässlich finde usw. Alle Lebensgeschichten sind unterschiedlich, aber viele führen die Menschen dazu, sich selbst abzulehnen, dann fallen sie in Depressionen. Das ist, was ich am häufigsten antreffe.”
„Gottseidank”, meint er, „mag ich mich selbst sehr. Ich freue mich, dass ich ich bin, ich habe mich lieb!”
"Das ist wunderbar”, lobe ich ihn, "da können Sie sich glücklich schätzen.”
„Aber”, setzt der Mann hinzu, „ich bin außergewöhnlich nervös. Immer wenn mir ein neuer Kunde ins Taxi steigt, spüre ich eine gewisse Angst. Was ist das?”
„Das ist denn wohl doch eine gewisse Unsicherheit, die Sie in sich tragen”, diagnostiziere ich im Handumdrehen.
Er nickt. „Ja, mein Vater hat mich viel geschlagen, als ich klein war, mit seinem Gürtel, wie das hier so üblich ist. Aber das Schlimme war, dass er mich nicht zu Hause in unseren vier Wänden bestrafte, sondern vor den Augen aller Nachbarn.”
„Das ist ungemein beängstigend und erniedrigend!”, werfe ich ein.
„Ja, erniedrigend”, bestätigt er, „vielleicht kommt da meine Unsicherheit her. Aber dann beginne ich mit dem Kunden ein Gespräch und dabei verliert sich dann meine Nervosität.”
Dann bekennt er: „Und ich habe noch eine große Unsicherheit im Augenblick. Ich bin verheiratet, ich liebe meine Frau. Sie arbeitet und ich arbeite und wir haben ein kleines Häuschen und zwei kleine Töchter. Ich bin ihr noch nie untreu geworden. Aber nun habe ich Angst, denn sie will studieren. Ich habe viele meiner Kunden gefragt, was sie davon halten. Alle raten mir ab. Sie erzählen mir, dass wenn die Frau einmal studiert, ihr der Ehemann nicht mehr genug ist. Sie sucht sich einen anderen Mann, der auch studiert. Davor habe ich regelrechte Panik. Deshalb plustere ich mich auf wie ein Macho und sage nein: Du studierst nicht!”
Ich lache. „Ja, so ist das mit den Machos: sie plustern sich auf, aber dahinter ist nur Angst!”
„Genau!” Jetzt lacht er auch. „Alles ein Theater mit dem Machogehabe. Im Grunde genommen würde ich auch gern studieren. Vielleicht könnten wir beide arbeiten und studieren. Das wäre auch ein gutes Vorbild für unsere Töchter. Aber wenn wir beide studieren wollen, dann müssen wir unser Haus verkaufen und wieder zu meinen Eltern ziehen. Würden Sie mir dazu raten?”
„Das müssen Sie mit Ihrer Frau besprechen”, antworte ich, die ich nicht sein Leben tragen möchte auf meinen Schultern”, aber eines müssen Sie immer bedenken: Jeder Mensch möchte wachsen. Studieren ist ein Weg, das zu erreichen. Wenn mein Partner lernen möchte und wieder auf die Schulbank und ich verwehre ihm oder ihr das, das hat auch seinen Preis. Der andere fühlt sich gebremst durch mich und vielleicht ist genau das dann der Beginn vom Ende unserer Liebesbeziehung.”
Der Mann ist nun sehr nachdenklich. Wir sind bei mir zu Hause angekommen. Er will nicht, dass ich ihn für die Fahrt bezahle, aber ich tue es natürlich trotzdem.
by Kiki Suarez
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