Kein Wunder

Carmelita ist zehn Jahre alt und hat Leukämie. Seit sieben Jahren geht sie, wann immer ihr Organismus das verkraften kann, zur Chemotherapie. Sie malt gern. Deshalb bringt meine Freundin Rebecca sie in meine Ausstellung. Hätte Carmelita nicht diesen Glatzkopf und trüge sie nicht einen grünen Mundschutz, sie käme mir vor wie ein ganz gesundes Mädchen. Sie guckt mich mit grossen, leuchtenden Augen an. Ich lade sie ein, mich zu besuchen, um mit mir zu malen. Nach zweimal Malen kommt sie nicht wieder.

 

Ein Jahr später möchte ihre Mutter eine Psychotherapiesitzung für Carmelita und sich. In der Therapiestunde, die ich mit Carmelita verbringe, erscheint sie mir wie ein fröhlicher, leuchtender kleiner Engel. Sie malt ihre Mutter, ihren Vater und ihre beiden älteren Brüder in einem schönen Garten; ihr Hund läuft darin herum und auch ein Häschen hüpft. Sie selbst schwebt zwischen einigen Schönwetterwölkchen neben der Sonne im Himmel. Ich möchte zum lieben Gott, sagt sie. Ich möchte nicht mehr zur Chemotherapie.

Ich zeige Carmelitas Zeichnung ihrer Mutter, die bricht in Tränen aus. Meine Tochter möchte, dass ich sie gehen lasse, schluchzt sie, aber das kann ich nicht! Sie kommen nicht wieder zur Therapie.

 

"Letting a loved one go" (c)Kiki Suarez

Wieder ein Jahr später ruft Rebecca mich wieder an. Sie ist ausser sich und erzählt mir: Carmelita hat Tumore im Kopf, sie kann nicht mehr laufen, das einzige was sie geniesst ist, wenn ihre Mutter sie im Rollstuhl spazierenfährt. Sie will nicht mehr zur Chemotherapie. Aber ihre Mutter fährt sie nur spazieren, wenn sie weiter zur Chemo geht! Carmelita hat sich gestern in die Küche geschleppt, hat ein Brotmesser genommen und versucht, sich damit zu erstechen!

 

Ich fahre zu den beiden nach Hause. Carmelitas Mutter kocht mir Kaffee, gibt mir Kekse und setzt sich mit versteinertem Gesicht in einen Sessel. Carmelita liegt auf dem Sofa gegenüber unter einer Decke, nur eine Hand guckt heraus. Die nehme ich in meine, sie ist warm und drückt meine, so weiss ich, dass sie doch noch lebendig ist. Aber sie stellt sich tot. Zwei Stunden lang versuche ich, ihre Mutter zu bewegen, die Chemotherapie zu vergessen. Nein, beharrt sie, ich bete und bete zu Gott und Gott wird das Wunder wirken. Er wird meine Tochter heilen!

Wenn man in Frieden sterben kann, ist das nicht auch ein Wunder? frage ich sie und sehe wie ihr die Tränen in die Augen treten. Sie beisst sich auf die Lippen.

 

Drei Monate später stirbt Carmelita während der Chemotherapie in den Armen ihrer Mutter.

 

by Kiki Suarez

 

www.kikitheartist.com

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Kommentare: 3

  • #1

    Kiki Suarez (Sonntag, 26 September 2010 15:11)

    Carmelitas Mutter ist dann in eine religiöse Krise gekommen, weil Gott ihr ihren tiefsten Wuynsch nicht erfüllt hat. Sie sagte, sie wisse Carmelita sei bei der Jungfrau Maria, aber sagte das mit Wut, weil die Jungfrau Maria eben doch ihre Tochter nicht zu versorgen wisse wie sie. Ja, ich kann sie auch verstehen. Da sitzt man als Psychologe vor so einer Mutter und sagt: Lass los! Wie soll man ein Kind loslassen lernen? Könnte ich das? Könntest Du das? Das wissen wir alle nicht bis so eine Situation kommt. Die Familie ist aus der Stadt weggezogen.

    Kiki

  • JimdoPro
    #2

    Katharina Böhme (Sonntag, 26 September 2010 17:52)

    Ich glaube, man kann selbst gar nicht einschätzen, wie man reagieren würde, wenn man in so einer Situation wäre. Wenn die Gefühle verrückt spielen, nützen einem auch die besten Argumente nichts.

  • #3

    michaela (Dienstag, 05 Oktober 2010 12:07)

    sooo traurig und so schlimm, wenn man das eigene kind gehen lassen muss und nichts dagegen tun kann. das muss mit das schlimmste sein, was eltern passieren kann.

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