Herr Licht
Ein Taxifahrer, der mich in den letzten Wochen mehrmals abgeholt hat und mich und meinen Mann seit Jahren kennt, kommt auch heute wieder, um mich ins Stadtzentrum zu bringen.
“ Na, Doña Kiki, haben Sie Ihr Auto immer noch in der Werkstatt”, fragt er.
Er weiß, dass mein jüngster Sohn mein Auto vor Monaten kaputtgefahren hat. Er denkt, dass ich deshalb immer noch Taxis anrufe, damit sie mich hin- und herfahren.
“Nein”, antworte ich,”mein Auto ist wieder hergerichtet. Ich habe es verkauft, denn ich kann nicht mehr Auto fahren, weil ich an einer Augenkrankheit leide.”
Er ruckelt ein bisschen hin und her auf seinem Fahrersitz, er weiß nicht recht, was er mir sagen soll, um mich zu trösten. Wir sind ein Weilchen still, da fragt er mich plötzlich: “Kennen Sie Don Luz?”
Ich nicke. Natürlich kenne ich Don Luz, auf gut deutsch: den Herrn Licht. Licht, “Luz” auf spanisch, ist ein häufiger Name für Männer wie für Frauen in Mexiko. Dieser Don Luz bleibt einem aber im Gedächtnis, weil er Licht heisst, aber kein Augenlicht besitzt, denn er ist stockblind geboren. Ob seine Eltern ihn aus Ignoranz oder Hoffnung auf ein Wunder der Jungfrau von Guadalupe Luz, Licht, tauften, weiss ich nicht.
Kurz nachdem ich 1977 nach San Cristobal kam, ludt uns eine von Don Luz` Töchtern zum Geburtstag ihrer Mutter ein. Das war eine Riesenfiesta, denn Don Luz und seine Frau hatten 12 Kinder miteinander, alle inzwischen junge und nicht mehr ganz junge Erwachsene. Don Luz sang für seine Frau. Er sang wunderbar. Er sang so göttlich, dass er damals und für lange Zeit der berühmteste Liebesliedersänger in San Cristobal war. Damals wie auch heute noch war und ist es Brauch, dass ein junger Mann, der ein Mädchen hofiert, diesem Ständchen darbringt: Serenatas. Da viele junge Männer keine göttlichen Stimmen haben, bezahlten sie Don Luz für diesen Job. Herr Licht verdiente sich mit einer Liebesliedstimme nicht nur den Unterhalt für Frau und ein dutzend Kinder, sondern auch viele weitere Frauenherzen, denn kurz nach jener Geburtstagsfete erfuhr ich, dass er nicht nur eine Ehefrau mit zwölf Kindern hatte, sondern drei, eine jede in ihrem Haus mit einer ähnlich umfangreichen Anzahl von Sprösslingen.
Ich hatte Don Luz seit Jahren nicht mehr gesehen.
“ Lebt er noch”, frage ich meinen Taxifahrer.
Der nickt eifrig, “ Ja, er singt nicht mehr so viel, aber immer noch. Er muss jetzt Mitte siebzig sein. Wissen Sie, Doña Kiki, dass er drei Familien hat und insgesamt mehr als dreissig Kinder und ich weiss nicht wieviele Enkel?”
Ich nicke.
“Ab und zu fahre ich Don Luz hierhin und dahin…”, erzählt er weiter.
Ich unterbreche ihn: “ Von einer seiner Familien zur anderen?”
Wir grinsen beide.
“Tja”, erzählt der Fahrer weiter,” letztes mal fragte ich ihn: “Sagen Sie Don Luz, wie kann das angehen, wie konnten Sie sich auf so viele Kinder einlassen? Wissen Sie, was er mir antwortete?”
Ich bin ganz Ohr.
“Er antwortete mir lachend: Ich habe so viele Kinder, weil ich blind bin – ich SEHE eben nicht, was ich anrichte!”