Gutes im Leben
Meine Radiotaxis antworten mal wieder nicht, also gehe ich auf die Straße, um das nächstbeste Taxi anzuhalten. Es beginnt zu nieseln. Da kommt schon ein Taxi. Als es sich nähert, erkenne ich, dass hinten schon jemand sitzt und ziehe meinen Finger zurück, aber der Chauffeur hält trotzdem an und fragt mich, wo ich hin will. Ich sage es ihm. „Das liegt auf unserem Weg“, bemerkt er, dreht sich zu der alten Dame hinter ihm um und fragt sie, ob es ihr Recht ist, wenn ich auch einsteige, er bringt erst sie zu ihrem Ziel, dann mich. Sie ist einverstanden und ich entfliehe den nun dicken Regentropfen auf den Hintersitz neben ihr.
Sie guckt mich neugierig an und fragt frei heraus: „Sind Sie verheiratet?” „Ja, seit über 30 Jahren“, antworte ich.
Da treten Tränen in die Augen der Frau und sie erzählt: „Ich war über 50 Jahre verheiratet. Wissen Sie, ich hatte einen guten Mann. Er war Lehrer. Als die Kinder groß waren und er sich pensionieren ließ, kauften wir einen alten Camper. Mit dem fuhren wir zehn Jahre lang durch die Gegend. Durch ganz Mexiko. Wo immer es uns gefiel, da hielten wir an. Das waren die schönsten Jahre meines Lebens!” Sie lächelt unter Tränen, die immer noch aus ihren kleinen wachen Äuglein quellen.
„Aber“, und nun muss sie schluchzen, „mein Mann ist vor einem Jahr gestorben. Ich weine und weine und mein Doktor sagt, ich soll weinen, es ist gut. Aber es tut trotzdem immer noch weh …”
Der Taxifahrer und ich schweigen. Schließlich fallen mir nur diese Worte ein: „Wenigstens haben Sie eine so schöne Zeit gehabt mit Ihrem Mann!”
Die alte Frau nickt. „Ja, das sage ich mir auch jeden Tag. Und wissen Sie, ich lerne, mir trotz meiner Trauer immer wieder, das Leben schön zu machen!” Sie lächelt wieder und diesmal nicht mehr unter Tränen. „Morgen zum Beispiel, morgen lasse ich mich von diesem freundlichen Herrn hier, der mein Lieblingstaxifahrer ist, nach Teopisca fahren (Teopisca ist eine kleine Stadt fünfzig Kilometer von San Cristobal entfernt). Da wohnt eine Kusine von mir, die ist jetzt 94 Jahre alt aber noch rüstig. Die besuche ich regelmäßig. In Teopisca gibt es ein Restaurant am Zocalo, wo die köstlichste Longanizawurst zubereitet wird. Ich habe meinen Lieblingstisch schon für meine Kusine und mich morgen dort reserviert. Wir werden Tortillas mit Longaniza essen, jede ein Bierchen schlürfen und uns das Leben der Menschen draußen auf dem Zocalo anschauen. Darauf freue ich mich schon. Es wird ein guter Tag werden.”
Mir tut es leid, dass wir inzwischen angekommen sind, wo die Frau hin will. Ich habe sie schon in mein Herz geschlossen.
„Diese Señora weiß zu leben“, kommentiert der Chauffeur als wir weiterfahren. „Ich lerne von ihr.”
Er ist ein dunkelbrauner, stämmiger Mexikaner, vielleicht so Anfang 30.
„Ich habe jahrelang Geld gespart, bis ich fünfzehntausend Dollar zusammen hatte, um einen Kojoten zu bezahlen, der mich dafür illegal in die USA brachte. Er hat mich da auch hingeschleust. Ich bin vier Tage lang zusammen mit fünf anderen ohne zu essen in Arizona durch die Wüste gelaufen, nur Wasser haben wir gehabt. Das war das Härteste, was ich in meinem Leben mitgemacht habe. Aber schließlich ich bin in Kalifornien angekommen und habe sechs Monate lang in den Weinbergen gearbeitet. Harte Arbeit, aber gute Bezahlung. Ich habe alles gespart, was ich konnte. Dann hat mich die Migra dort entdeckt und abgeschoben und sie haben mir all mein gespartes Geld weggenommen!”
Ich gucke anscheinend so bestürzt, dass er meint, mich schnell wieder aufrichten zu müssen. „Ich war wütend, auf den Kojoten, auf die Amis, auf mich, weil ich mich habe erwischen lassen. Aber dann habe ich diese alte Dame getroffen und ich lerne von ihr, neben dem Schlimmen, das Gute im Leben zu sehen. Ich habe gerade geheiratet und bin glücklich mit meiner Frau. Ich arbeite zwei Schichten. Damit habe ich mir jetzt ein kleines Häuschen kaufen können.”
Wir kommen an seinem Häuschen vorbei: ein einstöckiges, klitzekleines Zementquadrat, fröhlich mexikanisch blau angestrichen, daneben zeigt er mir einen ebenso klitzekleinen Hof zwischen Zementmauern, in dem vier Minibäumchen wachsen.
„Diese Bäumchen habe ich vor kurzem gepflanzt“, erklärt er mir begeistert. „Und schon ist in einem ein Vogelnest! Die kleinen Vögelchen sollten jetzt jeden Tag ausschlüpfen. Wann immer ich meine Schichten unterbreche und zum Frühstücken oder Essen nach Hause fahre, hebe ich all unsere Tortilla und Brotreste sorgfältig auf. Ich koche sie mit ein bisschen Milch und forme aus der Masse kleine Kugeln. Das ist die Nahrung, die ich den Vögeln auf die Gartenmauer lege. Ich bin noch gar nicht lange dabei, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie viele unterschiedliche Vögel in mein Gärtchen kommen! Vorgestern Nacht habe ich sogar eine Nachtigall singen gehört!”
Wir sind bei mir zu Hause angekommen. Ich lasse mir das Rezept für die Vogelkugeln nochmal erklären und nehme mir vor, ebenfalls solche im Garten zu deponieren. Ich möchte auch eine Nachtigall!