Gott

 

„Glauben Sie an Gott?”, fragt mich mein Taxichauffeur, kaum dass ich es mir auf dem Hintersitz seines Fahrzeugs bequem gemacht habe.

 

„Ich bin Buddhistin”, antworte ich, „Buddhisten glauben an keinen Gott.”

 

Ich weiß, dass das eine Provokation ist und er mir jetzt ein Loch in den Bauch fragen wird und ich habe keine große Lust zum Erklären und Antworten, aber der Mann fragt erstaunlicherweise nicht weiter.

 

„Ich frage vieler meiner Fahrgäste nach Gott”, erklärt er mir stattdessen. „Neulich fuhr ich einen älteren Mann. Der lachte, als ich ihm meine Gottesfrage stellte. Er antwortete: Niemand hat Gott gesehen. Ich auch nicht und solange ich ihn nicht sehen und anfassen kann, genieße ich mein Leben ohne Gott. Darüber denke ich jetzt andauernd nach.”

 

„Manche Menschen behaupten, sie fühlten Gott”, gebe ich zu bedenken, „aber sie können einem nie dazu verhelfen, Gott ebenfalls wie sie zu fühlen.”

 

„Ich”, versichert mir der noch relativ junge Mann vor mir im Auto, “ich bin katholisch und ich glaube an Gott. Jeden Sonntag gehe ich zur Messe und das tut mir gut. Meine Frau und meine Tochter glauben auch an Gott, aber sie haben sich bekehren lassen und gehen fast täglich hier in den Tempel der Mormonen. Aber wir streiten nicht. Sie lassen mich in meiner Kirche und ich lasse sie bei den Mormonen. Ich denke, wir glauben an denselben Gott. Der Rest ist Schminke.”

 

„Gut”, sage ich”, gestern hat mich einer Ihrer Kollegen gefahren. Der erzählte mir, wie seine Ehe daran zerbrochen ist, dass seine Frau sich zu einer evangelischen Sekte bekehren ließ. Sie stritten nur noch über Gott.”

 

Er nickt. „Ja, das geht vielen so. Meine Frau und ich lieben uns vielleicht gegenseitig mehr als wir Gott lieben. Aber nun muss ich trotzdem immer über den Mann nachdenken, der mir sagte, solange er Gott nicht vor sich hätte und anfassen könnte, lebe er lieber ohne ihn.”

 

„Mit Gott, ohne Gott, wie und wer ist Gott”, ich merke, ich will ihn beruhigen, „darüber habe ich fast mein ganzes Leben lang nachgedacht. Es ändert sich immer wieder, wie ich darüber denke, was ich glaube und was nicht.”

 

Wir sind angekommen, ich bezahle und steige aus. Dann denke ich. „Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich Buddhistin bin, auch wenn mir die Philosophie und die Praxis der Meditation sehr wohltun. Je älter ich werde, je weniger weiß ich.”

by Kiki Suarez

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