Glimmstängel

 

„Macht es Ihnen was aus, wenn ich eine Zigarette rauche?”, fragt mich mein junger Taxifahrer, als wir auf die Umgehungsstraße gelangen. Ein Taxifahrer sollte diese Frage nicht stellen. Es ist den Fahrern verboten, im Taxi zu rauchen. Ich liebe Zigarettenrauch nicht. Politisch korrekt wäre mein strengstes „Nein”. Aber es hat heute nicht geregnet, es ist ein milder Abend, die Wolken färben sich gerade ein bisschen orange, alle Fenster im Taxi sind halb offen und eine angenehme Brise streicht mir durchs Haar. Ich bin erstaunt, mich sagen zu hören, dass er rauchen kann.

 

Anstatt sich nun eine Zigarette aus einem Päckchen zu ziehen, hält er an, steigt aus, und verschwindet in einem kleinen grauen Haus am Straßenrand. Ob man mich hier nun überfallen wird? In den Nachrichten wird ununterbrochen von Überfällen dieser Art geredet. Ich warte, der warme Wind verscheucht meine Schreckensfantasien, da geht auch die halb verrostete Metalltür auf, eine Tür zu einem der tausenden von Miniläden an jeder Ecke, wo Leute, Maismehl, Bier und eben Zigaretten kaufen.

 

Im runden unrasierten Gesicht meines Fahrers klebt ein Glimmstängel zwischen den zu einem freundlichen Grinsen verzogenen Lippen, das er mir entgegenwirft. Er steigt ein und wir fahren weiter. Er zieht genüsslich an seiner Zigarette.

 

„Früher habe ich zwei Pakete am Tag geraucht”, gesteht er mir. „Ich habe auch gesoffen, was es das Zeug hielt. Das hatte ich so von meinem Vater gelernt. Der war vier Tage in der Woche stockbesoffen und die ganze Familie hatte Angst vor ihm. Sie musste ihn ständig suchen, nach Hause bringen und auf ihn aufpassen. Schrecklich. Aber jetzt bin ich verheiratet, ich habe zwei kleine Söhne, der ältere ist vier, der kleine gerade geboren. Ich will nicht, dass meine Kinder so aufwachsen wie ich. Mein Vater war ein Trunkenbold, weil mein Großvater einer war und so immer weiter zurück bis zu Adam und Eva …” Er lacht, zieht tief an der Zigarette. „Ich trinke kaum noch. Eine Flasche Tequila steht im Eisschrank. Da hebe ich mal ein Gläschen. Hebe ich ein zweites, schreit mein Vierjähriger: Guck mal Mami, Papi betrinkt sich schon wieder! Dann lasse ich es sein. Ich habe auch jahrelang nicht geraucht wegen der Jungen. Aber nun rauche ich zwei Zigaretten am Tag. Dies ist meine erste heute, ich hatte einfach solchen Appetit auf eine Zigarette. Noch mal danke, dass Sie mir das genehmigt haben.”

 

„Ich hoffe, Sie fangen nicht wieder an mit dem Rauchen”, bemerke ich.

 

„Hoffe ich auch”, nickt der Mann”, aber ich glaube nicht. Wenn ich denke, was ich gesoffen und geraucht habe, es ist ein Wunder, dass ich noch lebe. Vor einigen Jahren hatte ich einen Unfall mit dem Taxi. Witzigerweise war ich da gerade mal nicht betrunken. Ich stieß mit einem anderen Auto zusammen. Es war die Schuld des anderen, aber das wurde nie richtig geklärt, denn der starb. Ich lag zwei Wochen im Koma, ich habe Narben am Bauch und überall an meinem Kopf unter den Haaren. Kaum war ich aus dem Krankenhaus heraus, kam die Familie des anderen Fahrers, der nun tot war. Sie wollten Geld. Viel Geld. Ich habe kein Geld. Sie drohten, mich umzubringen. Ich musste für eine Zeit aus San Cristobal verschwinden. Das war hart. Aber obwohl ich gerade erst selbst dem Tod von der Schippe gesprungen war, soff und rauchte ich weiter. Hätte ich meine Frau nicht getroffen, wären meine Kinder nicht geboren, ich glaube, ich läge schon bei meinem Vater unter der Erde. Der ist schließlich auch im Suff umgekommen.”

 

Er grinst, er lacht, er freut sich. Sein Glimmstängel ist abgebrannt. Wir sind angekommen. Er wirft den Zigarettenstummel aus dem Fenster. Ich gebe ihm fünf Peso Trinkgeld und warne: „Aber nicht, um noch mehr Zigaretten zu kaufen!”

 

Er grinst und ich weiß nicht, ob ich diesem Grinsen traue. Ich glaube nicht.

 

by Kiki Suarez

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