Entführt
Es ist Samstag Mittag. Mein Meditationskurs ist absolviert, jetzt habe ich Hunger. Mein Mann ist zu Hause dabei, ein besonderes Essen zu kochen. Meine Radiotaxis antworten nicht und ich gehe auf die nächstgrößere Straße, um irgendein Taxi aufzugabeln. Da kommt auch gleich eins. Es sieht ein bisschen angegriffen aus, ein Licht kaputt, ein paar Beulen, aber ich will nach Hause. Ich strecke meinen Arm raus, der Fahrer hält an, ich gucke ihn an, während ich die hintere Tür öffne und einsteige. Er ist jung, dunkelbraun mit längeren etwas fettigen Haaren, er sieht etwas wild und ungepflegt aus. Für eine Sekunde denke ich: Ob das einer ist, der mich nun entführen wird, um von meiner Familie Lösegeld zu fordern? Mexiko ist eines der Topländer in der Welt, was Entführungen angeht. Aber der Mann lächelt und ich sitze schon auf einem Riss im Plastik seines Hintersitzes. Ich fühle mich immer noch ein kleines bisschen unwohl und beginne ein Gespräch, um ihn ein bisschen auszuloten und damit er sieht, dass ich nicht irgendeine Gringa bin, sondern mich etwas auskenne hier.
„Wie viele Stunden am Tag fahren Sie Taxi?”, stelle ich meine Routinefrage.
„Sechzehn Stunden!”, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Ich muss ran, sonst kann ich meine Familie nicht ernähren.”
Er sieht so jung aus, ich bin erstaunt, dass er schon eine Familie hat, obwohl das hier eigentlich nichts Ungewöhnliches ist.
„Ich bin 32 Jahre alt”, lacht er, „und ich habe zwei Töchter. Die älteste ist 17 und will jetzt auf die Universität, wenn ich nicht ordentlich ranrobbe, geht das nicht.”
Ich rechne in meinem Kopf und staune: „Dann sind Sie 15 Jahre alt gewesen, als Ihre Tochter geboren wurde?”
Er steht an einer roten Ampel, dreht sich um und strahlt mich an: „Ich war 14!”, ruft er stolz. „Mit 13 habe ich mich in meine Frau verliebt. Sie war auch 13. Ich entführte sie, das heißt, wir liefen beide von zu Hause weg. Wir mieteten ein klitzekleines Haus und das Einzige, was wir hatten, war ein Bett! Aber unsere beiden Familien waren einverstanden und unterstützten uns. Ich arbeitete als Maurergehilfe, meine Frau im Haushalt, sie wurde schwanger und unsere erste Tochter wurde geboren. Später hatte ich dann die Gelegenheit, Taxi zu fahren.”
Ich bin beeindruckt. Dreizehn Jahre, um eine Ehe zu schließen ist selbst für hiesige Verhältnisse jung und dass die Ehe gehalten hat!
„Ich liebe meine Familie, ich bin stolz auf meine Familie, ich tue alles für meine Familie!”, erklärt er und ich glaube es ihm.
„Ich bin nicht reich, aber heute haben wir alles, was eine Familie braucht. Meine Tochter wird studieren. Und morgen“, lacht er, „morgen hat mich meine Mutter gebeten, sie zum Hühnchenessen einzuladen. Ich weiß da ein kleines Restaurant, wo sie die Hühnchen ganz besonders knusprig grillen, da bringe ich meine Mutter morgen hin. Sie ist zuckerkrank und muss Diät halten, aber Hühnchen darf sie essen. Ich freue mich schon auf ihr Gesicht morgen, wenn sie diese knusprigen Hühnchen sieht!”
Mir läuft auch das Wasser im Munde zusammen und ich lasse mir die Adresse des besagten Hühnchengrills geben.
Ich zahle dem Mann den doppelten Preis.