Chinesisch

 

Am Morgen nach meiner Ausstellungseröffnung kommt in meiner Galerie eine kleine, junge Chinesin zu mir.

 

„Nenne mich Anna”, fordert sie mich auf. „Meinen chinesischen Namen kannst Du nicht aussprechen.”

 

„Ich habe deine Chiapasgeschichten gelesen”, plappert sie fröhlich weiter, „und ich bin fasziniert von diesem Indianerdorf Chamula hier in der Nähe. Erzähle mir bitte, was Du über Chamula weißt!”

 

„Ich weiß nicht viel mehr, als was ich in den Geschichten aufgeschrieben habe”, antworte ich.

 

Sie möchte in Chamula leben. „Da gibt es keine Hotels oder Pensionen”, kläre ich sie auf.  „Du müsstest eine Indianerfamilie finden, die dich für eine Weile aufnimmt.”

 

Ich lade Anna zu einem Kaffee ein. Sie ist nicht außergewöhnlich hübsch, aber guckt mich aus zwei sehr wachen Augen an. Sie spricht ein Gemisch aus Spanisch und Englisch, das ich ganz gut verstehe.

 

„Ich bin vor acht Monaten aus Hongkong nach Monterey gekommen”, berichtet sie, „mit einem Austauschprogramm meiner Universität. Nach vier Monaten hätte ich zurückfliegen sollen, aber ich merkte plötzlich, dass ich unmöglich schon zurückfliegen kann. Ich wusste noch gar nichts über Mexiko und begann überhaupt erst, ein bisschen Spanisch zu radebrechen. Mexiko ist so groß! Also rief ich meine Universität an und sagte, ich würde ein Semester später zurückkommen. Da gab es einen großen Schock auf der anderen Seite. Ich bin die erste Studentin, die sich weigert, pünktlich zurückzukehren. Meine Mutter heulte nur am Telefon. Sie hat 14 Jahre illegal in Hongkong gelebt, und obwohl sie jetzt legal dort ist, geht sie so gut wie nie aus dem Haus. Sie fürchtet immer noch, die Polizei könnte sie entdecken und nach China zurückschaffen. Sie ist entsetzt und wütend, dass ich solange so weit weg bleiben möchte.”

 

Anna fragt, wie sie am besten nach Chamula kommt.

 

„Nimm ein Taxi!”, antworte ich.

 

Kurz danach setze ich sie in ein Taxi nach Chamula.

 

Einen Monat später sitzen wir wieder im Café zusammen. Anna ist an jenem Tag vor ein paar Wochen in Chamula zum Touristenbüro gegangen und hat gefragt, wo sie für eine Weile in Chamula leben könnte. Der Mann vom Touristenbüro hat sie kurzerhand mit sich nach Hause zu seiner Familie genommen. So leicht war das gewesen.

 

„Das war ein hartes Leben”, lacht Anna. „Ich schlief auf einer Bastmatte auf dem Fußboden. Um zwei Uhr morgens standen wir auf, um Tamales zu backen. Um drei Uhr morgens kam ein Auto, um uns ins Zentrum von Chamula zu bringen, wo wir die Tamales verkauften. Es war das Fest von San Juan Chamula und Leute kauften Tamales morgens um drei. In der Familie gab es vier Kinder. Ein Junge, acht Jahre alt, wurde eines Tages krank. Er brannte vor Fieber. Niemand kümmerte sich um ihn. Seine Geschwister schlugen ihm nur noch ins Gesicht und die Nase blutig. Ich fragte seine Mutter, ob wir nicht einen Arzt holen oder ihn wenigstens ins Bett stecken sollten, aber die winkte nur ab. Als ich dem Jungen die Nase säubern wollte, schüttelte er mich ab und ging, sich selbst das Blut abwaschen. Nach vier Wochen gab es wieder eine Fiesta. Da gab es Rockmusik. Aber du weißt ja, in Chamula dürfen nur die Männer tanzen. Ich hatte aber auch Lust zu tanzen und tat das. Ich trug die Chamulatracht und alle starrten mich an. Ich forderte andere Frauen auf, mit mir zu tanzen. Keine wollte. Da wusste ich, dass meine Zeit in Chamula um war, denn ich möchte ab und zu tanzen.”

 

Neben ihr steht ein riesiger Rucksack. „Ich reise gleich ab. Erst besuche ich ein Camp mit behinderten Kindern, wo ich arbeitete, bevor ich nach Monterey und hierherkam. Das hat mein ganzes Leben verändert: zu sehen, wie schwer es ist, mit einer Behinderung zu leben. Dann fliege ich nach Hongkong zurück. Ich muss arbeiten, um mir das Geld fürs nächste Semester zu verdienen, meine Mutter beruhigen, mein Studium abschließen. Ich studiere Wirtschaft und das interessiert mich gar nicht, aber es gab keinen anderen Studienplatz für mich. Ich möchte Journalistin werden. Ich möchte die ganze Welt bereisen. Aber erstmal will ich nach China zurück, in das Dorf, wo mich meine Großmutter aufzog, als meine Mutter illegal zu meinem Vater nach Hongkong zog. Meine Großmutter war meine Mutter. Jetzt ist sie tot. Ich will zu meinen Wurzeln zurück, um danach die ganze Welt zu erforschen.”

 

Ich rufe ihr das Taxi, das sie zum Bus und in ihre Zukunft bringt.

 

by Kiki Suarez

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Kommentare: 2

  • #1

    Stephanie (Samstag, 20 März 2010 15:46)

    Stehen die Indianer in Chamula denn immer mittelst in der Nacht auf??

  • #2

    Kiki Suarez (Sonntag, 28 März 2010 04:05)

    Die traditionellen Indianer stehen oft um 3 Uhr morgens auf. Die Frauen müssen Tortillas backen, damit die Mánner den Weg zur Milpa, zum maisfeld mit den Tortillas im bauch und in der Tasche loswandern können. Heute ändert sich vieles, aber auf den Dörfern geht das oft immer noch so.


    KIKI

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