Blind
„Shonan ist völlig blind und reist allein durch Mexiko”, ruft meine Freundin Helga ins Telefon. „Ich dachte mir, du würdest sie gern kennenlernen.“
Natürlich will ich diese Frau kennenlernen.
Einige Stunden später warte ich in einem Straßencafé auf Shonan. Ich sehe ein Taxi an der Ecke zur Fußgängerstraße halten, in der ich sitze. Bevor sich eine Hintertür öffnet und der Fahrgast aussteigt, öffnet sich die Tür des Fahrers, er rennt um das Auto herum, um die Hintertür für den Fahrgast zu öffnen, ein ungewöhnlicher Anblick hier. Als die Hintertür dann offen steht, steigt eine schlanke Mittvierzigerin mit geschorenem Kopf aus. Sie hantiert mit einem weißen Langstock vor sich und ich weiß: Das ist die Frau, auf die ich warte. Der Taxichauffeur hält sie am Ellenbogen, sie macht sich gerade und sagt ihm ein paar Worte, die ich aber nicht verstehen kann. Beide lächeln. Ich stehe auf und laufe zu ihnen hin. Der Chauffeur nickt mir zu und verschwindet wieder in seinem Taxi. Ich stehe etwas unsicher vor Shonan, ich habe kaum Erfahrung mit Blinden. Ich berühre sie leicht am Arm und sage: „Ich bin Kiki, wie kann ich dir behilflich sein?”
„Hallo, Kiki”, antwortet sie fröhlich, „lass mich deinen linken Ellenbogen leicht umfassen und einen Schritt hinter dir laufen, so führst du mich am besten und ich bleibe beweglich. So brauche ich meinen Stock nicht.“
Sie findet meinen linken Ellenbogen sofort, ich Berührung ist kaum spürbar, ich leite sie so die zwanzig Meter zu unserem Straßencafétisch. Sie folgt mir leicht wie eine Feder. Im Café angekommen, ertastet sie die Stuhllehne und setzt sich. Der Ober kommt, ich bestelle uns Cappuccino. Ich sehe Shonan an. Eine wohl mal blond gewesene Amerikanerin. Die Stoppeln ihrer geschorenen Haare leuchten jetzt silbrig, wenn ein Nachmittagssonnenstrahl auf sie trifft. Sie trägt helle Hosen und eine japanische Zenjacke aus weißem Leinen. Die große Stofftasche, die sie über ihrer Schulter trug, hat sie auf den Boden gestellt.
Obwohl sie blind ist, scheinen ihre Augen mich auch anzuschauen. Sie sehen normal aus, nichts Milchiges oder Ungewöhnliches in ihnen. Sie fragt mich nach der Retinitis Pigmentosa meiner Augen und erzählt mir dann ihre Geschichte.
„Ich bin schon mit schlechten Augen geboren worden. Glaukoma. Operationen über Operationen, aber mein Sehen wurde dennoch immer schlechter. Meine Behinderung ließ mich über das Leben nachdenken und mit Mitte zwanzig entschloss ich mich, in ein Zenkloster zu gehen. Ich lebte zwanzig Jahre in einem Zenkloster in Japan. Irgendwann während der ersten fünf Jahre dort verlor ich meinen Sehrest. Ich kannte mich so gut im Kloster und im Garten aus, dass ich nie meinen Stock brauchte. Aber vor einigen Monaten erschien mir das Zusammenleben im Kloster plötzlich zu starr, zu autoritär und ich dachte: Ich möchte anders leben. Da habe ich Japan verlassen und bin nach Kalifornien zurückgeflogen. Ich lebe von der Sozialhilfe. Das ist nicht viel Geld. Ich möchte arbeiten, aber für Blinde gibt es in den USA wenig Arbeit. Nun möchte ich sehen, ob ich hier in Mexiko leben kann, deswegen habe ich begonnen, Spanisch zu lernen. Ich möchte freiwillige Arbeit tun, meine Sozialhilfe reicht in Mexiko aus, ich möchte mich nützlich fühlen.”
Ich muss Shonan ununterbrochen anschauen, sie spricht mit einer angenehmen Stimme, klar und ruhig, wie ich das von einer langjährigen Zennonne erwarte, wir sprechen über Japan, Mexiko, die USA, Buddhismus, Politik. Sie ist top informiert, sie hat in Deutschland gelebt, sie kennt Hamburg. Sie fragt mich, wie ich male. Ich versuche meine Bilder zu beschreiben und merke, dass es ihr schwerfällt, mich zu verstehen. Vielleicht beschreibe ich nicht gut genug.
„Nur mit dir zusammenzusitzen tut mir wohl”, bekenne ich schließlich. „Es nimmt mir die Angst vor dem Moment, wo ich nichts mehr werde sehen können.”
„Manchmal morgens wache ich auf und überdenke, was ich mir für den Tag vorgenommen habe”, erzählt Shonan, „und ich merke, ich habe heute einfach nicht die Kraft dazu. Dann lasse ich es sein und bleibe zu Hause. Aber wenn ich etwas wirklich will, dann tue ich es und bisher habe ich es auch immer geschafft. Als ich meinen Freunden und meiner Familie in Kalifornien von meinem Plan erzählte, allein durch Mexiko zu reisen, waren alle entsetzt. ‘Mexiko ist voller Krimineller und Drogenhändler, wenn die deinen Blindenstock sehen, werden sie dir eins über die Rübe geben und dir alles klauen!‘ Ich überdachte das, merkte aber, dass ich wirklich nach Mexiko reisen wollte und so tat ich es. Jetzt bin ich sieben Wochen per Bus von Norden bis hier in den Süden gereist und niemand hat mir etwas gestohlen, überall finde ich liebevolle und hilfsbereite Menschen. In den USA passiert es, dass ich jemanden bitte, mich über die Straße zu bringen und die Person antwortet mir, sie hätte keine Zeit dazu. In all den Wochen in Mexiko ist mir das noch nie widerfahren.”
Sie möchte aufs Klo. Ich will sie bringen, aber sie will das mit ihrem Stock allein tun. Ich schaue ihr nach. Mit ihrem Stock um Tische und Stühle herumtastend wirkt sie nicht mehr zentriert und sicher, stattdessen sehr verletzbar und verloren. Werde ich auch so werden, fragte ich mich und eine Klammer legt sich um mein Herz.
Als sie an den Tisch zurückfindet, sagt sie: „Auch ohne Augen kann man viel genießen. Gestern brachte mich jemand auf den Markt. Ich rieche all diese exotischen Gerüche, frage was ist dies? Was ist das? Man gibt mir alles zu probieren. Da tut sich mir ein Universum auf, dass ich entdecken möchte. Ich gehe die Straße entlang und höre, wo Menschen sich bewegen und sprechen, auf dem großen Platz vor der Kathedrale hört sich das völlig anders an als hier, wo wir jetzt sitzen. Aber gestern bin ich in ein Straßenloch gefallen. Sie zeigt mir ihr aufgeschlagenes Bein. Das kann auch passieren. Insgesamt ist es hier in San Cristobal aber leichter, mit meinem Stock durch die Straßen zu finden als in Oxacca. Dort bin ich täglich hingefallen.”
Shonan zeigt mir, wie ich mit einem Langstock umgehen muss, sie schenkt mir einen Extralangstock, den sie bei sich hat. Sie erlaubt mir auf keinen Fall, ihn ihr zu bezahlen.
„Warum kommst du nicht und lebst hier in San Cristobal”, frage ich sie. „Hier gibt es viel freiwillige Sozialarbeit zu tun. Du kannst mit mir Meditation lehren, ich teile meine Praxis mit dir.“
Aber sie will erst noch mal San Miguel de Allende kennenlernen.
Sie nimmt wieder meinen linken Ellenbogen in ihre kleine, weiche, sanfte Hand und ich leite sie zur Straßenecke, wo wir ein Taxi suchen. Es hält auch gleich eins an. Der Chauffeur erkennt, dass Shonan blind ist, stürzt aus seiner Autotür, um ihr beim Einsteigen auf ihrer Seite im Auto behilflich zu sein. Beim Verabschieden sagt Shonan zu mir: „Um gut blind leben zu können, musst du deinen Stolz aufgeben. Nicht deine Würde, aber den Stolz deines Selbstbildes. Du wirst hinfallen und gegen Dinge rennen und vor den anderen tölpelig und ungeschickt erscheinen. Du must das akzeptieren und dich so annehmen, wie du bist.”
Ich drücke ihre Hand. Der Taxifahrer schließt die Tür. Er nickt mir zu und geht zu seinem Fahrersitz zurück. Ich sehe, wie Shonan ihm sagt, wo sie hin will. Das Taxi setzt sich in Bewegung, sie winkt mir noch mal zu.
In den Morgennachrichten wurde bekannt gegeben, dass allein in der ersten Hälfte dieses Jahres viertausend Menschen in Mexiko im auf den Straßen herrschenden Drogenkrieg ihr Leben verloren haben. Das ist das eine Mexiko. Das andere ist das, durch das Shonan reist und Taxifahrer spielen eine große Rolle darin.
by Kiki Suarez
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Kommentare: 4
Kiki Suarez (Mittwoch, 21 April 2010 05:58)
Was für ein schönes Foto Du zu BLIND auf Deiner Startseite hast!
Katharina Böhme (Mittwoch, 21 April 2010 07:05)
Ich glaube, man erkennt gar nicht so richtig was das ist. Das war eine Kunstinstallation in einer alten Kirche in Metz (Frankreich). Ein vollkommen dunkler Raum. Es gab nur diesen einen Lichtstrahl und wenn jemand da durchgelaufen ist, sah das sehr seltsam aus.
Anja (Mittwoch, 21 April 2010 16:25)
Ich hab nicht erkannt was es ist.
Ich finde Kikis Taxigeschichten toll! Kann sie immer wieder lesen!
Anja
Anja (Mittwoch, 21 April 2010 16:27)
P.S. Danke für das wundervolle Gedicht!