Germar Grimsen: Almatastr.
VERLAG: Verbrecher Verlag, Berlin
ERSCHEINUNGSJAHR: 2009
SEITENZAHL: 304
PREIS: 24 Euro
ISBN: 978-3-940426-20-8
BINDUNG: Hardcover
In einem Hochhaus in der Almatastr. in Bremen-Walle wohnt ein Mann. Irgendwie wurden die Wohnungen im 18. Stock von irgendjemandem vergessen und er hat die ganze Etage für sich. Türklingeln sind ihm zuwider. Es gibt keine wirklichen Gründe, eine Tür zu öffnen. Kein Notstand könnte stichhaltig und notvoll genug sein, um den Telefonhörer abzunehmen, falls er eines hätte. Und auch seinen Namen hat er nicht an der Klingel oder dem Briefkasten.
Mit dem Wissen, absolut nutzlos zu sein, verbringt er seine Tage. Von der Almatatstr. zieht er aus, um Vögeln von der Welt zu erzählen, Menschen zu beobachten oder kleine Ladendiebstähle zu begehen. Manchmal schafft er es nicht mal zum Altpapiercontainer ohne resigniert den Rückweg anzutreten bevor er diesen auch nur erreicht hat.
Dieses Tagebuch eines Misanthropen wie er im Bilderbuche steht, liest sich wie eine Mischung aus Genie und Wahnsinn. Endlos ziehen sich die Passagen seiner Betrachtungen und Gedanken und dann wieder nur ein paar geniale Sätze, die sein Weltbild offenbaren. Schonungslos analysiert er Welt und Mitmenschen. In ganz eigener Poesie stellt er einmal fest, dass der Mond zwischen bernsteinbleich und teerosengelb oszillierte, fast aber blutiger Gesinnung wie eine Monatsbinde schien und fragt sich in einer anderen Passage, wie sich das Sterben anfühlt. Ob das Loslassen so sei wie ganz dringlich erfordertes Wasserlassen?
Würde er sein Leben beenden, so wäre das Mittel der Wahl wohl die Gallenblase eines Kugelfisches. Aber dazu würde ihm vermutlich die Entschlusskraft fehlen. So lebt er vor sich hin und kommt dem Sinn des Lebens auch im Verlaufe des Buches nicht näher.
Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird in die skurrile Gedankenwelt eines Misanthropen eintauchen, kreative Wortneuschöpfungen kennen lernen und auch mal mit fremdsprachigen Passagen, Gedichten oder Noten konfrontiert werden. Vielleicht wird der Leser nicht jedem Gedankenstrang folgen können, doch lesenswerte Betrachtungen finden sich in den Aufzeichnungen auf jeden Fall.
Kommentar schreiben
Kommentare: 1
Kiki Suarez (Sonntag, 28 März 2010 04:03)
WOW! Da bin ich aber neugierig. Ich habe als ich als junge Frau in Deutschland in einem Altenprojekt arbeitete so viele liebe und tolle Alte kennengelernt, die niemand niemals mehr besuchte. Viele enden so allein und können es nicht aufschreiben.
KIKI