Mascha Kaleko
Als ich 13 Jahre alt war, lernte ich eine zwölfjährige Holländerin kennen. Wir wurden enge Freundinnen. Sie, mit dem schönen Namen Ileen Monteijn, gab mir Anne Franks Tagebücher zu lesen. Wir lasen sie allein und gemeinsam, von hinten bis vorne und wieder zurück. Anne Frank wurde die Dritte in unserem Bunde und dann kam Mascha Kaleko.
Anders als Anne Frank überlebte Mascha die Nazis, aber das erfuhr ich erst neulich, Jahrzehnte nachdem ihre Gedichte mich begleitet, getröstet und erhellt hatten, als ich die Höhen und Tiefen der ersten und späteren Teenagerjahre durchlebte.
Mascha Kaleko wurde bekannt und beliebt im Berlin der zwanziger Jahre. Sie schreibt ganz im Stil von Erich Kästner und Kurt Tucholsky, aber mit weiblichem Charme und einer ihr eigentümlichen Mischung aus Humor und Melancholie. Erstaunlicherweise oder eben vielleicht auch gar nicht erstaunlicherweise wurde sie aber nicht so berühmt wie ihre beiden männlichen Kollegen, wie das Frauen oft so geht. In der Schule lasen wir zahlreiche Dichterinnen, aber auf Mascha Kaleko traf ich dort nie, gottseidank traf ich sie durch Ileen.
Jugendliebe a.D.
Das ist alles Jahrzehnte her. Vor kurzem erinnerte ich mich an Mascha und googelte und suchte bei amazon und fand mehr über sie heraus.
Mascha wurde 1907 in Polen geboren. 1930 wurde sie in Berlin von Monty Jacobs für das Feuilleton der vossischen Zeitung entdeckt. Jahrelang schrieb sie für ihn und auch für das Berliner Tageblatt. Als Júdin musste sie vor den Nazis fliehen. Mit ihrem Mann, einem Komponisten, und Sohn floh sie in die USA, wurde amerikanische Staatsbürgerin, arbeitete als Werbetexterin, dichtete weiter, aber überwand nie ihr Heimweh nach Deutschland. Später wanderte die Familie nach Israel aus, wo Mascha sich aber auch niemals zu Hause fühlte. Wie andere Lyrikerinnen ihrer Generation, Rose Ausländer, Else Lasker – Schüler und Hilde Domin, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ein ähnliches Schicksal teilten, wurde sie mit dem Verlust ihrer deutschen Heimat nie fertig. Ihre Gedichte wurden trauriger.
Heute gibt es zahlreiche Schriftsteller, die emigrieren und vergnügt in einer neuen Sprache schreiben. Warum war das für Mascha und andere deutsche, jüdische Dichterinnen unmöglich? In einem Buch las ich, dass in einer anderen Sprache zu schreiben für einen Schriftsteller nicht allzu schwer ist, aber für einen Dichter eben doch. Ein Dichter, eine Dichterin hat noch eine tiefere Verflechtung mit ihrer Muttersprache, der von ihr erwählten und diese lässt sich oft nicht auf die anderen Sprachen, die sie beherrscht, übertragen. Wenn sie ihr Heimatland, ihre Dichtersprache verliert, erkrankt ihr Talent an was wir heute Depression nennen würden.
Maschas Sohn stirbt als junger Mann und einige Jahre später verliert sie ihren Mann, die grosse Liebe ihres Lebens. Da ist sie Mitte sechzig und kommt noch einmal zurück nach Berlin zu einer Lesung ihrer Gedichte. Ein Dichterfreund verliebt sich in ihre jugendliche Gestalt und ihr eigentümliches Talent. Er versucht, sie zu sich und nach Deutschland zurückzuholen. Aber es ist zu spät, Mascha stirbt einige Monate später, 1975, in Zürich an Krebs.
Ein Beitrag von Kiki Suarez
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