Untreu
Immer wieder frage ich meine Taxichauffeure, wie viele Stunden am Tag sie arbeiten. Manche arbeiten acht Stunden pro Tag, aber das sind die wenigsten. Viele kommen auf zwölf und manche auf sechzehn Stunden. Die, die ihr eigenes Taxi fahren, kommen gut über die Runden. Die meisten haben aber nicht das Geld für ein eigenes Taxi und sind als Fahrer angestellt bei jemandem, der genug Geld hat, um mehrere Taxis zu unterhalten. Das meiste Geld, das die Chauffeure, die angestellt sind, einnehmen, bezahlen sie an den Besitzer des Autos. Es gibt da eine feste Quote von 200 - 250 Pesos pro Tag (um die zwanzig US-Dollar). Der Rest der Einnahmen geht hin für Benzin, Öl und was ein Auto sonst so alles braucht, um weiterzurollen. Alles, was darüber hinausgeht, ist für den Fahrer. Das sind oft nicht mehr als fünf US-Dollar pro Tag. Das entspricht immerhin dem gesetzlich festgelegten Mindesttageslohn in Chiapas und die Chauffeure versichern mir, dass sie es vorziehen, fünf Dollar pro Tag im Taxi zu verdienen. Sie fühlen sich frei, weil sie herumfahren können, kein Boss guckt ihnen ununterbrochen über die Schulter. Die Regenzeit ist sieben Monate lang und sie sitzen im Trockenen. Im Winter wird es sehr kalt und sie fahren im Warmen umher. Jeder, der sein eigenes Taxi fährt, verdient wesentlich mehr und wenn er noch weitere Autos hat, die er anderen Fahrern vermietet, geht es ihm noch besser. Solange sie ihm nicht seine Autos in Unfälle verwickeln. Ich weiß von angestellten Taxichauffeuren, die schon einmal einen Unfall hatten, dass sie sich am meisten davor fürchten, dass ihr Chef ein paar kräftige Männer losschickt, um den unglücklichen Fahrer nach Strick und Faden zu verprügeln.
Es ist spät. Ich rufe mein Radiotaxi an und der Mann holt mich in meiner Praxis ab. Ich beginne meinen Taxiplausch, frage ihn wie viele Stunden am Tag er Taxi fährt.
„Ich fahre jeden Tag sechzehn Stunden lang”, antwortet der Mann, so Anfang vierzig. „Da verdiene ich genug für meine Familie. Aber ich bin erst seit zwei Jahren dabei. Vorher habe ich ordentlich getrunken. Ich arbeitete in der Bierfabrik und da gab es nur eines außer Bierkistenschleppen: Bier trinken!”
Sein Handy klingelt. Eine Frauenstimme bittet ihn um etwas. Er beendet das Gespräch und fragt mich: „Ich muss etwas für meine Tochter fotokopieren, das sie morgen in der Schule braucht. Meine Frau bittet mich, das Papier eben abzuholen. Sie steht hier an der Ampel, an der wir vorbeimüssen. Ist es in Ordnung, wenn ich anhalte und das Papier von ihr entgegennehme?”
Natürlich bin ich einverstanden. Die Ampel ist rot. Er hält an, eine mollige Frau kommt an sein Fenster und gibt ihm ein Papier. Er verspricht ihr, das zu fotokopieren bevor die Copyshops schließen.
„Eine gute Frau habe ich”, bemerkt er, „und zwei Töchter im Teenageralter. Beide sind gut in der Schule, beide wollen studieren. Aber meine Frau hat lange was mit mir mitgemacht.”
Ich höre zu, kann mir die Geschichte denken.
„Wie gesagt, Bier war mein Leben. Und mit dem Bier und den Kumpels kamen Affären mit Frauen …”
Sein Handy klingelt wieder. Wieder vernehme ich eine Frauenstimme, aber eine andere. Die Frau schäkert und fragt: „Wieso bist du so kratzbürstig in letzter Zeit? Warum hast du keine Zeit mehr für mich?”
Der Mann antwortet lustlos, wuselt sich heraus: „Ich habe viel Arbeit.”
Er beendet das Gespräch. „Ja“, nimmt er den Gesprächsfaden wieder auf, „ich weiß nicht, wie meine Frau das ausgehalten hat. Schließlich bin ich zu den Anonymen Alkoholikern gegangen und habe mein Leben wieder in den Griff bekommen. Mein Geld fließt nicht mehr ins Bier, sondern nach Hause. Ich bin wieder liebevoll zu meiner Frau, schimpfe nicht mehr ununterbrochen auf meine Töchter ein, das Leben ist wieder gut. Nun arbeite ich, was ich kann, ich möchte die Jahre vorher an meiner Familie gutmachen.”
Sein Handy klingelt schon wieder. Wieder ist die Frau dran, die offensichtlich nicht seine Ehefrau ist. Wieder dremmelt sie, dass sie ihn sehen will. Wieder wimmelt er sie ab ohne klarzustellen, was er will und was nicht.
„Diese Frauengeschichten”, fängt er wieder an, „die will ich auch nicht mehr. Das ist nicht fair meiner Frau gegenüber. Wenn sie das rauskriegt, verliere ich sie vielleicht noch.“
„Mein Mann hat auch zu lange zu viel getrunken”, sage ich, „seitdem er nicht mehr trinkt, ist unser Leben viel besser. Ich freue mich für Sie, dass Sie den Schritt geschafft haben!”
Er freut sich über mein Lob. Ich zahle, steige aus und als ich die Autotür zuwerfe höre ich noch, dass sein Handy erneut klingelt. Ob es schon wieder die Dremmelfrau ist? Ob er sie zum dritten Mal abwimmelt oder doch wieder schwach wird?
Wer weiß. Ich hoffe, er hat seiner Tochter die Papiere noch rechtzeitig fotokopiert.