Puma
Mein Taxichauffeur erzählt mir, er sei ein Chamula-Indianer. Chamula ist hier im Hochland die größte Mayagemeinde. Sie haben in den letzten Jahrzehnten heftige religiöse Konflikte innerhalb der Gemeinde gehabt und tausende Chamulas sind weggezogen, viele leben heute am Rande von San Cristobal. So auch mein Taxifahrer. Er sagt, er habe eine Frau und drei kleine Kinder.
„Ich möchte, dass meine Kinder auch unsere Indianersprache, Tzotzil, sprechen”, klagt er mir sein Leid. „Aber meine Frau will das nicht. Obwohl sie nicht fließend Spanisch spricht, will sie, dass unsere Kinder nur Spanisch sprechen. Sie sollen ihre indianische Kultur vergessen, sagt meine Frau, die bringe ihnen nur Probleme.”
„Wie schade”, pflichte ich ihm bei. „Wo es so bereichernd sein kann, unterschiedliche Kulturen von Grund auf zu kennen.”
Er nickt. „Ja, der Meinung bin ich auch, aber meine Frau sagt, hier in der Stadt wird sie als Indianerin verachtet. Je schneller wir alles Chamulahafte ablegten, desto einfacher werden es unsere Kinder haben …”
Ich weiß, dass das leider auch stimmt und finde keine Worte, ihn zu trösten. Aber da wechselt er schon das Thema. „Ihre Muttersprache ist Englisch?”, fragt er mich, neugierig nach meiner zweiten oder ersten Kultur.
„Deutsch”, erkläre ich.
Er ist ein bisschen verwirrt und murmelt ein paarmal „Deutschland“vor sich hin. schließlich fragt er, „Deutschland, das ist ein Land in Europa?“
Ich bejahe.
„Wie weit ist es bis dorthin?“
Ich bin das schon tausendmal gefragt worden und habe meine Antwort parat. „Elf Stunden im Flugzeug oder zehn Tage auf einem Schiff.“
Er ist beeindruckt, obwohl er noch nie auf einem Schiff oder in einem Flugzeug war. Dann berichtet er mir stolz: „Ich war zwei Jahre als illegaler Arbeiter in den USA!“
„Dann sprechen Sie auch Englisch?“, frage ich.
Er schüttelt den Kopf. „Nein, ich war in Nordkarolina und Florida, da waren nicht nur viele Mexikaner, aber so viele andere Chamulas, dass ich entweder Spanisch oder sogar Tzotzil sprechen konnte. Ich brauchte kein Englisch.“
„Ich fand es wunderbar in den USA“, setzt er träumerisch hinzu. „Diese Wälder und Landschaften, es ist ein wunderschönes Land. Am meisten beeindruckten mich die Herden von Rehen und Hirschen! So etwas hatte ich hier noch nie gesehen.“
„Nein”, betone ich, „hier werden die Wälder radikal abgeholzt und alles, was darin springt, wird aufgegessen. In 32 Jahren habe ich hier ein einziges Reh zu Gesicht bekommen, das panisch über die Straße sprang, auf der wir durch den Dschungel fuhren.“
„In Florida“, erzählt er, „ mussten wir morgens um fünf raus in die Orangenplantagen. Eines Morgens, als wir ankamen, war plötzlich etwas großes neben mir und fünf anderen Männern, es bewegte sich und wir erstarrten vor Schrecken: Da hockte ein Puma direkt vor uns!“
„Und?“, frage ich
„Er rannte in Panik vor uns weg!“, lacht der Mann.
„Wo so viel Wild ist, leben die Pumas gut. Die sind in den USA auch geschützt“, sage ich, „hier sind wir im Lande des Jaguars und es gibt kaum noch welche. Bei all meinen Besuchen im Dschungel und auf den Mayaruinen habe ich noch nie einen zu Gesicht bekommen.“
Der Taxifahrer schüttelt traurig seinen Kopf. „Nein, wir jagen alles oder essen es auf. Unser Land wird täglich ärmer und hässlicher!“
Ich weiß, dass das stimmt und weiß keinen anderen Trost als ein gutes Trinkgeld.