Ich muss bezahlen

 

Ich wollte nie Auto fahren lernen. Ich war Mitte dreißig, als ich außerhalb unserer kleinen Stadt in Südmexiko mit drei kleinen Kindern lebte und einem Mann, der viel unterwegs war. Ein einziger Autobus fuhr morgens um neun hinunter in die Stadt und mittags um zwei wieder hoch. Die fünf Taxis im Stadtzentrum konnte ich zu anderen Zeiten nicht anrufen, weil wir kein Telefon hatten und es noch keine Handys gab. Eines Tages brachte mein Mann einen gebrauchten Ford Taunus vor die Haustür und erklärte: „Kiki, jetzt lernst du Auto fahren!“ Bevor ich mich ins Auto setzte, bekam ich erstmal Angstdurchfall.

 

Heute denke ich, dass ich wahrscheinlich nie Auto fahren wollte, weil ich fühlte, dass meine Augen nicht gut waren, obwohl ich es noch jahrzehntelang nicht offiziell erfahren sollte. Sobald ich im Auto saß, war ich gestresst. Ich träumte oft und träume immer noch, dass ich hinterm Steuer eines Autos sitze, das forsch voranschießt und ich habe keine Ahnung, wie ich es sicher weitersteuern soll. Merkwürdigerweise hatte ich niemals einen Unfall. Ich wache auf, schweißgebadet, und kann mir nicht erklären, wie ich einen Unfall habe vermeiden können.

 

Ich fuhr immer langsam und wie mein Vater mir täglich riet defensiv.  Jahrelang fuhr ich unsere drei und eine Menge Nachbarskinder, deren Eltern kein Auto hatten, morgens in die Schule.

 

Eines morgens fuhr ich die Periferico, die Umgehungsstraße, entlang, langsam, defensiv, als plötzlich ein Fahrradfahrer vor mir aus der Spur geriet und mir vor die Motorhaube schlingerte. Vielleicht hatte er schon Biere im Bauch oder noch immer oder er war beim Radeln eingeschlummert, ich weiß es nicht. Ich bremste also, der Fahrradfahrer kriegte sich wieder ein und radelt davon, aber ein Taxifahrer war mir inzwischen hinten ins Auto gefahren, nicht schlimm, aber meine Teenager im Auto erschraken und waren plötzlich mucksmäuschenstill. Ich saß da, fuhr an den Straßenrand, der Taxifahrer auch. Noch während er ausstieg, sah ich im Rückspiegel, wie er sein Radio anschmiss. Ich wusste: Er rief seine Taxikumpels an, damit sie ihm nun zur Hilfe eilten! Mein Herz klopfte heftig. Nun musste ich blonde Gringa mich mit einem mexikanischen Machotaxifahrer rumstreiten! Meine Teenager hinten guckten mich mit großen Augen an. Sie wussten auch nicht zu helfen.

 

Ich stieg aus. Der Mann machte ein bitterböses Gesicht, ich war sicher: Er freute sich zu entdecken, dass ich eine Gringa bin, denn die kann er übers Ohr hauen! Die ist blond, die hat Geld. Erstmal war er trotzdem erstaunt und ein bisschen enttäuscht, dass ich fließend Spanisch spreche. Vielleicht bin ich doch mit der hiesigen Kultur ein bisschen vertrauter, als er dachte, und würde mich wehren.

 

„Wie konnten Sie so plötzlich bremsen!”, fuhr er mich an. Ich erwähnte den Radfahrer, der aber mittlerweile über alle Berge war. Hinten am Auto war eine Riesenbeule, das Rücklicht kaputt. An seinem Taxi ist nur eine klitzekleine Beule. „Sie sind mir hinten reingefahren, weil Sie keinen Abstand gehalten haben, dieser Vorfall ist Ihre Schuld!”, entgegnete ich.

 

„Nein”, jetzt wurde der Mann sauer oder er tat so, um mich zu erschrecken. „Ihre Schuld! Das wird mich mindestens 500 Pesos kosten (ungefähr 50 US Dollar), die müssen Sie bezahlen!”

 

Ich wurde böse, der sieht eine Frau und eine Ausländerin und will Kohle aus mir ziehen! Ich könnte meinen Mann anrufen, inzwischen hatte ich ein Handy, ich suchte es, aber die Batterie war leer. Die Jungen auf dem Rücksitz wurden unruhig, weil sie zu spät zur Schule kommen würden. Ich schmiss das unnütze Handy auf den Sitz, ging zurück, wollte mich verteidigen, als Frau, als Ausländerin, ich wollte das doch nicht mit mir machen lassen!

 

Da standen 25 Taxis um mich herum. Fünfundzwanzig Taxibuddies waren dem Radiohilferuf ihres Kollegen prompt gefolgt und wollten mich Gringa nun melken! Sie standen da, gedrungene, kräftige braune Männer und starrten mich an mit bösem Blick.

 

Sollte ich auf die Polizei warten? Ich wusste, ich hatte keine Chance. Kein Bulle hier wird eine Gringa gegen 25 Taxichauffeure verteidigen. Wenn er Streit vorfand, würde er nur noch mein Auto abschleppen und dann müsste ich noch mehr blechen.

 

Ich stöhnte, drehte mich um, fischte 500 Pesos, die ich gottseidank bei mir habe, aus meinem Portemonnaie und zahlte, setzte mich ins Auto, biss mir vor unterdrückter Wut auf die Zunge und brachte die Jungen sogar noch rechtzeitig in die Schule…