Gesundheit
Das Taxi, in das ich einsteige, weil es zu regnen beginnt, ist recht angedätscht, die Sitze sind zerschlissen. Der Taxifahrer ist ein Mann meines Alters, kräftig, dunkelbraun, ungekämmt. Damit sein ungepflegtes Äußeres mich nicht weiter beunruhigt (vielleicht ist er ein Entführer??), beginne ich wie immer ein Gespräch.
„Ich schufte was ich kann”, erzählt er mir, „und trotzdem komme ich nicht aus der Misere raus. Meine Frau verkauft Schweineschwarten auf dem Markt und ich hole aus dieser alten Kiste, die nicht mal meine ist, raus, was ich kann, aber ich kann meine Schulden trotzdem nicht abbezahlen.”
„Das ist schlimm, wenn man hierzulande Schulden hat, die Zinsen fressen einen auf”, bestätige ich.
„Vor fünf Jahren haben sie mich am Magen operiert”, berichtet er. „Es war eine lange und schwierige Operation, doch sie hat mir das Leben gerettet. Aber die Operation kostete fünftausend Pesos (ungefähr 400 USD). Die hatte ich nicht. Ich borgte Geld, das ich mit Zinsen zurückzahlen muss, und inzwischen sind aus den 500 Pesos zwanzigtausend geworden. Und ich maloche und maloche und komme auf keinen grünen Zweig.”
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
„Mein jüngster Sohn ist jetzt zwölf und ich kann mir nicht mal mehr erlauben, ihn auf die Mittelschule zu schicken. Er will jetzt Tischler lernen.”
„Das ist ein guter Beruf”, betonte ich.
Er nickt.
„Können Ihre älteren Kinder Ihnen nicht helfen, die Schulden möglichst schnell abzuzahlen?”, fragte ich.
Er schüttelt den Kopf. „Nein, die sind alle verheiratet und haben ihre eigenen Kinder. Sie arbeiten alle schwer, um ihre Familien ernähren zu können. Und jetzt“, fügt er hinzu und dreht sich zu mir um, „habe ich hier eine Blutung im Auge. Aber ich kann mir einfach keinen Arzt leisten.”
Mir fallen die jungen Ärzte ein, die in einigen Apotheken für zwanzig Pesos (ungefähr 1.50 USD) Untersuchungen anbieten.
„Daran habe ich auch schon gedacht”, gibt der Mann zu”, „aber das sind trotzdem zwanzig Pesos, und dann verschreiben die mir Medizin. Auch wenn es Generika sind, macht das mindestens noch mal fünfzig oder sechzig Pesos. Das ist dann insgesamt so viel Geld, wie ich in zwei Tagen als Chauffeur verdiene. Nein, das kann ich mir einfach nicht leisten.”
Ich bin betroffen und sprachlos.
„Aber ich lasse mich nicht kleinkriegen“, erklärt er mir ungebrochen. „Viele Leute sagen mir, ich sei von Gott gestraft. Ich glaube das nicht. Gott ist groß, Gott ist gütig, Gott hat mir mit der Operation damals das Leben gerettet. Gott ist mir gut und ich werde weiterschuften und weiter meine Schulden abzahlen und irgendwann komme ich aus diesem Schlamassel heraus.”
Ich sitze da, höre zu und bin noch betroffener und noch sprachloser.
Als wir ankommen, zahle ich ihm den doppelten Preis. Er strahlt, küsst den Fünfzig-Peso-Schein und bittet Gott, mich zu segnen.
